Verkleidet als Otto Lilienthal

Homberger flog Gleiter für französisches Filmteam

Geschichtsträchtiges Requisit: Den Gleiter, der heute im Technischen Museum Kassel hängt, baute Michael Platzer Ende der 1960er Jahre als Dekorationsstück.

Homberg. Vor 40 Jahren steht Michael Platzer verkleidet auf einem Hügel in Bayern und hört sein Herz so laut schlagen, wie noch nie zuvor. Die Augen eines französischen Kamerateams und ungezählter Komparsen sind auf ihn gerichtet.

In seinen Händen hält er einen selbstgebauten Gleiter, wie ihn einst der Flugpionier Otto Lilienthal konstruiert hatte. Platzer rennt los, springt und stürzt ab. Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

„Den Gleiter habe ich 1969 gebaut“, erzählt der heute 63-Jährige. Damals ist er bereits seit ein paar Jahren Mitglied im Homberger Luftsportverein. Der veranstaltet jedes Jahr einen Fliegerball. „Wir hatten eine riesige Bühne, für die brauchten wir Dekoration.“

Da Platzer, der heute Ingenieur ist, schon damals leidenschaftlich gerne tüftelt, fragt man ihn, ob er dafür nicht einen Gleiter von Otto Lilienthal nachbauen kann. Platzer macht sich an die Arbeit, nutzt alte Bilder als Vorlage.

Nach dem Fliegerball steht der Gleiter zunächst herum, kommt schließlich als Ausstellungsstück ins Segelflugmuseum auf die Wasserkuppe. „Für die Abstellkammer war er ja doch zu schade.“ Gut drei Jahre bleibt er dort, bis sich eines Tages ein französischer Filmproduzent bei Platzer meldet.

Der plant eine Serie über Flugpioniere. „Dafür wollten sie sich den Gleiter ausleihen.“ 7000 Mark soll Platzer dafür bekommen. „Bei dem Angebot bin ich fast vom Stuhl gekippt“, erzählt er. „Ich war ja Student.“ Platzer sagt zu.

Doch dann wollen die Filmemacher plötzlich, dass er vor der Kamera mit dem Gleiter fliegt. Der wird dafür umgebaut. „Er war ja eigentlich nur Deko und sollte nie wirklich fliegen.“ Eine zweite Tragfläche wird montiert, der Schwerpunkt verlagert. „Wir haben wochenlang herumprobiert, bis es geklappt hat.“

Eine Woche des Scheiterns

Eine Woche lang dauern die Aufnahmen in Bayern. Eine Woche, in der für Platzer alles schief läuft. „Der Hang war nicht steil genug und die Windverhältnisse stimmten auch nicht.“ Immer wieder läuft er den Hang hinunter und springt. Doch seine Fußspitzen verlassen nur kurz den Boden, dann gibt es jedes Mal eine Bruchlandung.

Zu den beiden Sanitätern, die zum Filmteam gehören hat Platzer schnell ein enges Verhältnis: Seine Rippen sind geprellt, der ist Fuß verstaucht, die Nerven liegen blank. Schließlich bietet der Produzent an, die Aufnahmen auf der Wasserkuppe zu machen. Da klappt es endlich. „Ich bin 15 Mal geflogen.“

Anschauen kann man sich das noch heute. Ausschnitte der Serie stehen unter dem Stichwort „Grashüpfer“ auf der Video-Plattform youtubeim Internet.

Ein Leben für die Fliegerei

Die Fliegerei spielte auch weiterhin eine große Rolle in Michael Platzers Leben. Nach dem Studium beginnt er, eigene Flugzeugentwürfe umzusetzen. Die Platzer-Motte etwa, das erste über drei Achsen steuerbare Ultraleichtflugzeug aus Deutschland. Der Gleiter, der jetzt im Technischen Museum in Kassel hängt, erzählt viel über Platzers Liebe zur Fliegerei, für die sein Herz auch heute noch so laut schlägt, wie vor 40 Jahren auf dem Hügel in Bayern.

Hintergrund

Otto Lilienthal - Bis zuletzt ein Luftfahrt-Pionier

Otto Lilienthal war nach heutigem Wissen der erste Mensch, der erfolgreich und wiederholbar Gleitflüge mit einem Flugzeug absolvierte. Seine experimentellen Vorarbeiten führten zu der noch heute gültigen Beschreibung der Tragfläche. Zudem war Lilienthal der erste, der ein Flugzeug in Serie herstellte. Neun Käufer seines Normalsegelapparates sind heute namentlich bekannt.

Das Flugprinzip des Gleiters entspricht dem des heutigen Hängegleiters. Die Gebrüder Wright entwickelten dieses Prinzip später zum Flugzeug weiter. Im August 1896 stürzte Lilienthal aus einer Höhe von 15 Metern ab und erlag wenig später seinen Verletzungen. (mhs)

Quelle: HNA

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