Akrobaten am Himmel

Segelkunstflieger in Ziegenhain: Gäste können mit abheben

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Ein altes Schätzchen kehrt zurück in die Schwalm: Martin Schmerer, Carsten und Peter Scholz und Klaus Schlingmann kauften das Blechkunstflugzeug „Pilatus B4“.

Weltklassesegelflieger, eingefleischte Kunstflugfans und der Nachwuchs sind wieder für eine Woche in Ziegenhain zusammen gekommen. Das Publikum ist eingeladen zum Zuschauen oder Mitfliegen.

Ziegenhain. „Der Adrenalin-Kick birgt einfach eine große Suchtgefahr.“ So umschreibt Klaus Schlingmann (51) die Faszination des Segelkunstflugs.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der Kasseler Mitglied in der Flugsportvereinigung FSV Schwalm, bei der traditionellen Kunstflugwoche kümmert er sich um die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit.

Eine Woche lang genießen und trainieren derzeit ambitionierte Segelkunstflieger auf dem Ziegenhainer Platz. Manch Kunstflieger trainiert dabei für einen Wettkampf oder ein Kunstflugabzeichen, andere beginnen gerade. So auch Julius Lübstorf, der am Montagnachmittag mit seinem Fluglehrer Wolfgang Seitz in einem Lehrflugzeug Platz genommen hatte.

Gut 15 Minuten dauert es, bis ein Segelkunstflugzeug die für Loopings und Flugrollen erforderliche Höhe von 1200 Metern erreicht hat. Dann beginnt das wahre Vergnügen und die Piloten haben gut fünf Minuten Zeit, mit ihrem Flieger fachmännisch durch die Lüfte zu „turnen“.

Fluglehrer Wolfgang Seitz schenkte seinem jungen Flugschüler zunächst ein paar Minuten Rückenflug, ließ den Kunstfluganfänger die andere Flugperspektive und das damit verbundene Hängen im Sicherheitsgurt spüren. „Solch eine Flugposition ist für die Orientierung eine echte Herausforderung“, weiß Klaus Schlingmann, der in diesem Sommer das bronzene Kunstflugabzeichen ablegen möchte. Für solch ein Abzeichen müssen Flugfiguren in bestimmter Reihenfolge mit exakten Flugwinkeln am Himmel präsentiert werden. Die Piloten müssen sich dabei mit ihrer Kunstflugmaschine in einem Raum von 1000 mal 1000 Meter bewegen. Tiefer als 450 Meter dürfen die Flieger dabei nicht kommen, es sei denn die Piloten trainieren für einen Wettkampf und sind so erfahren, dass sie nur 200 Meter Bodenabstand einhalten müssen.

Von Ziegenhain geht es direkt in die Wolken: ein Segelflieger auf dem dortigen Flugplatz beim Start. Erst nach rund 15 Minuten haben die Flieger eine Höhe von 1200 Metern erreicht, die für ihre Kunstfiguren wie Loopings und Flugrollen nötig ist.

Der 19-jährige Moritz Kirchberg kennt sich mit Wettkämpfen bereits gut aus. Er gehört zur Klasse der Spitzenflieger. Mit seiner segelflugbegeisterten Mutter und Trainerin Martina Kirchberg suchte Moritz Kirchberg nach dem letzten Schliff für die Weltmeisterschaftsteilnahme. Das Ausnahmetalent konnte im vergangenen Jahr bereits in der Spitzenklasse einen fünften WM-Platz erfliegen. „Er hat das Kunstfliegen im Blut. Solch ein feines Fingerspitzengefühl kann man nicht antrainieren“, sagt Klaus Schlingmann.

Das Kunstfliegen sei ein besonnenes Hobby ohne Ellbogendenken. „Einer gibt dem anderen Tipps. Eine große Gemeinschaft, die die Faszination des Kunstfluges teilt“, schwärmt Schlingmann, der die jährliche Kunstflugwoche mit den Gleichgesinnten, den vielen Fachgesprächen und der ruhigen Camping-Atmosphäre nicht mehr missen möchte. Vor dem Start gilt es jedoch eine Reihe Sicherheits-Checks zu absolvieren und sich auch mental auf die Herausforderung einzustimmen. So wanken und drehen sich die Segelkunstflieger über die Wiese des Flugplatzgeländes, um im Kopf Figuren und Handbewegungen, die in der Luft folgen sollen, gedanklich durchzuspielen.

Segelkunstflugpremiere: Flugschüler Julius Lübstorf (vorne sitzend) startete mit Fluglehrer Wolfgang Seitz zu seinem ersten Segelkunstflug.

Klaus Schlingmann selbst möchte sein bronzenes Kunstflugabzeichen auf einer Pilatus B4 absolvieren. Die dunkelblau-rote Maschine kehrte dieser Tage erst wieder zurück auf den Schwälmer Segelflugplatz, war sie doch 13 Jahre in Berlin im Einsatz. „Wir haben den 43 Jahre alten Blechflieger einfach vermisst. Es ist ein besonderes Modell. Nun konnten wir die B4 wieder zurückkaufen“, erzählt Martin Schmerer, der mit Klaus Schlingmann, Carsten Scholz und Peter Schenk zum Käuferquartett zählt.

Segelkunstflugzeuge könne man gar nicht aus dem Katalog bestellen, da die Maschinen so rar gesät seien, dass Piloten nur bei Hobbyaufgabe eines anderen das Glück zum Kauf haben könnten. Nun soll das 248 Kilogramm schwere Fluggerät noch zahlreiche Runden über der Schwalm drehen und dabei am Himmel seine Turnübungen absolvieren.

Gäste können mitfliegen

Bereits seit 2001 findet die Ziegenhainer Kunstflugwoche statt. Zuschauer könnten beim Anblick der Aktionen in der Luft auch schon einmal einen Schrecken bekommen, räumt die Flugsportsportvereinigung Schwalm auf ihrer Internetseite ein: „Was macht der denn da? Stürzt der ab?“, hätten sich Betrachter auf dem Damm vor dem Flugplatz womöglich schon einmal gewundert. 

Aber der Verein beruhigt sogleich: „Einige Mitglieder der FSV Schwalm sind wahre Akrobaten am Himmel. Mit speziell für den Kunstflug zugelassenen Flugzeugen zaubern sie Kunstflugfiguren an den Himmel: Looping, Turn & Rolle um nur einige von vielen zu nennen“, heißt es auf der Homepage weiter. 

Gäste können diesen Akrobaten aber nicht nur zuschauen, sondern sogar bei einer Kunstflugtour mitfliegen. Das kostet je nach Schlepphöhe ab 60 Euro. Wer interessiert ist, sollte direkt auf den Flugplatz Ziegenhain kommen, Info auch unter Telefon 0 66 91/36 06 oder im Internet unter www.fsv-schwalm.de

Von Regina Dörhöfer

Quelle: HNA

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