Seelsorger Peter Kittel und Michael Kulinat betreuen Besuchskreis für Häftlinge

Sich mit Respekt begegnen

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Wollen das Leben von draußen nach drinnen tragen: Sozialarbeiterin Patricia Detroy (zweite von rechts), die Anstaltsseelsorger Michael Kulinat und Peter Kittel (vierter und fünfter von rechts) sowie die Mitglieder des ehrenamtlichen Besuchskreises vor der JVA in Ziegenhain.

Ziegenhain. Das Leben hinter Gittern stellt für Menschen in Freiheit ein gewisses Faszinosom dar: Dessen sind sich Sozialarbeiterin Patricia Detroy und die Anstaltsseelsorger der JVA Ziegenhain Peter Kittel und Michael Kulinat bewusst. Doch das allein ist es nicht, was die Menschen motiviert, sich in einem ehrenamtlichen Besuchskreis zu engagieren.

Ihre Motivationen sind christliche Nächstenliebe, der Wunsch, sich für Menschen am Rande der Gesellschaft zu engagieren, Zuhörer zu sein, Hilfestellungen zu geben, den Blick in andere Richtungen zu lenken. „Es geht darum, das Leben von draußen in eine in sich geschlossene Welt einzubringen“, sagt Detroy.

Die Idee entstand bei der Durchsicht der Besuchskartei. Insbesondere Häftlinge, die längere Strafen verbüßten, bekämen schon jahrelang keinen Besuch mehr, erklärt Kulinat. Aktuell sind das 37. Erste Besuche im Beisein der Seelsorger gab es bereits.

Für die Gespräche gibt es Empfehlungen: Jeder Besucher kann etwa entscheiden, ob er einen anderen Namen benutzt. „Und ich empfehle, sich gegenseitig immer zu Siezen“, sagt Patricia Detroy.

Es gehe darum, Häftlingen in einer wertschätzenden Art zu begegnen: „Aber vorher sollte man sich über die Art der Beziehung im Klaren sein, quasi die Vertragsbasis klären“, erklärt die Sozialarbeiterin. Tabugrenzen gebe es in den Gesprächen nicht: „Nur die, die beide Gesprächspartner abstecken“, sagt Kulinat.

Der Spagat zwischen Vertrauen im Sinne von Nähe und Distanz sollte gewahrt werden. „Angst müssen Besucher nicht haben“, erläutert Detroy. „Aber eine gesunde Portion Aufmerksamkeit.“

Eine Mitarbeiterin des Besuchskreises – namentlich möchte keiner genannt werden – verdeutlicht: „Mir ist wichtig, zu zeigen, dass wir nicht die Menschen auf der besseren Seite sind.“ Sie wünsche sich einen respektvollen Umgang. Ein weiterer Wunsch der Mitarbeiter war der nach dem Besuch einer Zelle: „Damit wir uns vom Lebensbereich ein Bild machen können.“

Neue Sicht des Lebens

Eine andere Mitarbeiterin erklärte: „Ich hoffe, ich kann einem Häftling eine andere, neue Sicht des Lebens vermitteln.“ Patricia Detroy empfahl: „Hängen Sie ihre Hoffnung nicht zu hoch.“

Seelsorger Michael Kulinat, der seit fünf Jahren in der Anstalt tätig ist, hat in seiner Arbeit gelernt: „Mit den richtigen Vorzeichen ist jeder Mensch zu jeder Tat fähig.“ Inwieweit sich Menschen in der Haft veränderten, auch diese Frage beschäftigt die Besucher. „Ich habe einen Menschen getroffen, der seit 18 Jahren inhaftiert ist – der wirkte auf mich wie ein Lebenskünstler. Für ihn habe ich noch keine Schublade gefunden“, beschreibt eine Mitarbeiterin ihren Eindruck. Vor dem Besuch habe sie sich gefühlt wie bei einer Verabredung mit einem Unbekannten – sehr aufgeregt.

Ein anderer Besucher wurde gleich mit Problemen konfrontiert. „Der Häftling beschwerte sich über seine Mithäftlinge. Da habe ich begriffen, dass es sowas wie Hierarchien gibt.“ Peter Kittel und Michael Kulinat wünschen sich, dass sich noch mehr Menschen finden, die im Besuchskreis mitarbeiten: „Der Bedarf ist groß.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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