Reportage aus der Hephata Diakonie

So arbeitet eine Heilerziehungspflegerin in einer Einrichtung in Treysa

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Hat ihren Berufswunsch bisher nicht bereut: Heilerziehungspflegerin Anna Greb.

Treysa. Ein in der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannter Beruf ist der des Heilerziehungspflegers. Wir haben eine Pflegerin in der Hephata Diakonie in Treysa begleitet.

Es ist ein Freitag und es ist 15 Uhr. Es duftet nach heiß gebrühtem Kaffee und es gibt Kuchen. Diana, Elke, Andreas, Sylvia, Katrin, Sigrid, Torsten und Günter sitzen am Esstisch in einem Haus mit der Hausnummer neun. Ein 80er-Jahre-Bau der Hephata Diakonie in Treysa. Nur Angelique fehlt. „Die kommt heute später“, sagt Anna Greb. Denn Kaffee und Kuchen gibt es eigentlich erst um 16 Uhr. Aber heute ist alles anders. „Kurz vor dem Wochenende eben“, sagt Greb.

Greb ist Heilerziehungspflegerin, 26 Jahre alt, gekleidet in Jeans und mit schwarzem Oberteil sitzt sie mit ihren roten Haaren und wachen Augen mit am Tisch der Wohngruppe. Zusammen mit Ewa betreut sie heute neun Menschen im Alter von 40 bis 68 Jahre. Es sind Menschen mit verschiedenen Behinderungen, auch solche mit Downsyndrom.

Richtung Wochenende geht es noch mal besonders lebhaft in der Wohngruppe zu. „Die Bewohner, die noch Kontakt zu ihren Familien haben werden abgeholt, die anderen nicht“, sagt Greb. So ist das eben. Zwei Stunden sitzen sie an diesem Nachmittag zusammen. Dann wird abgeräumt. Hier hat jedes Rädchen seine Aufgabe, aber die Uhr funktioniert nur, wenn alle zusammenspielen. „Der Job ist nicht einfach, er benötigt viel Professionalität“, sagt Greb.

Unverzichtbar ist auch, gelassen und freundlich zu sein. Plus eine Portion Humor. Sehr wichtig ist Greb auch, dass es Bewohner und keine Patienten sind. Der Alltag soll ganz normal gestaltet werden. Das ist die Aufgabe von ihr und Ewa, der anderen Pflegerin, die heute mit ihr Dienst hat.

Alle Bewohner der Wohngruppe gehen tagsüber arbeiten, ab acht Uhr. Frühstück um 7.30 Uhr, Abendbrot um 19 Uhr. Der Esstisch bildet den Mittelpunkt der Wohngruppe. Hier kommen sie alle zusammen, um 16 Uhr. Nach Feierabend kann sich jeder Bewohner den restlichen Tag selbst einteilen. Manchmal wird zusammen spazieren gegangen, gebastelt oder gemalt. Und in den Urlaub fahren sie auch schon mal. „Immer einmal im Jahr“, sagt Greb.

In der geräumigen Küche wird auch zusammen gekocht und die beiden Bäder werden von allen genutzt. Die weitaus meisten Bewohner haben Einzelzimmer. „Allerdings teilen sich ein paar auch ein Zimmer“, sagt Greb. Hinter den Namensschildern verbergen sich geräumige, helle Schlafzimmer. Das Bett und der Schrank sind aus hellem Holz. Die gehören zum Inventar. An der Wand hängen viele Bilder. Auch eigene, die die Bewohner gemalt haben.

Greb hat eine dreijährige Ausbildung hinter sich. Über Umwege ist sie in Treysa gelandet. Ihre Mutter ist Erzieherin. „Vielleicht ist das der Grund, warum ich den Beruf gewählt habe“, sagt Greb und lacht. 28 bis 39 Stunden arbeitet sie in der Woche. „Ist immer unterschiedlich und kommt drauf an, wie die Personalplanung ist“, sagt Greb.

Greb ist mit ihrem Beruf, der Heilerziehungspflege, so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Behindertenpflege. Mit Lupe, Korkenzieher und Schere übernimmt es zahlreiche Funktionen, so wie auch der Heilerziehungspfleger mehrere Aufgaben hat.

Auch deshalb sind die Voraussetzungen für die Ausbildung hoch. Greb ging zwei Jahre in die Schule und hat anschließend ein Anerkennungsjahr bei einem Träger absolviert.

Und ihre Arbeit muss sie sehr genau dokumentieren. Jeder Bewohner hat eine eigene Akte. Eingeschlossen im kleinen Büro neben dem Eingang. Dort, wo die Pflegerinnen und Pfleger auch schlafen. Wenn mal wieder Nachtschicht ist.

Im Wohnzimmer der Wohngruppe hängt eine Schaukel von der Decke. Günter sitzt gerne darin. Im Fernseher läuft eine Kinder-DVD. Und Thorsten mag Koch DVD’s.

„Die laufen dann auch schon mal in Dauerschleife“, sagt Greb und lacht. Sie kenne jede DVD auswendig. Generell wird innerhalb der Wohngruppe viel zusammen gelacht. Und sonntags wird gemeinsam ermittelt. Da ist nämlich Tatort-Zeit.

Auch der Speiseplan hängt für die ganze Woche aus. Kartoffelsalat, Pizza, Spinat-Nudeln. An diesem Freitag gab es Nudeln mit Tomatensoße. „Eins der Lieblingsgerichte“, sagt Greb. Der Dienstplan ist am wichtigsten. Dort können immer alle einsehen, welcher Pfleger, an welchem Tag kommt. Am Wochenende wird ausgeschlafen und zusammen fahren sie auch mal in die Stadt zum Einkaufen. Es ist die Herzlichkeit und nonverbale Kommunikation, die alle vereint. Stress kommt auch mal vor. „Ganz normal“, sagt Greb. Greb und ihre Mitarbeiter sind zudem Ansprechpartner. Für Familienangehörige, Verwandte, Freunde.

Man muss die Menschen lesen können, sagt Greb. Ein Gespür dafür entwickeln was ihnen guttut und was nicht. Jeder Mensch gibt eine Antwort, auch wenn er nicht reden kann, sagt Greb. Anschließend geht sie raus auf die Terrasse und zündet sich eine Zigarette an. „Manchmal muss auch ich abschalten“, sagt Greb und lacht. Sie hat Feierabend.

Quelle: HNA

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