Dekan Christian Wachter betrachtet den Rauschenberger Altar

Die Sonne des Lebens

Weihnachtsdarstellung: Illustration des spätgotischen Flügelaltars in Rauschenberg. Foto: Jost/privat

Schwalm. Nur 30 Kilometer sind es von Schwalmstadt bis Rauschenberg. Und zur Besichtigung des spätgotischen Flügelaltars würde sich dieser Ausflug wirklich lohnen.

Der Rauschenberger Altar ist ein Erzählbild des Lebens Jesu. In dem hier gewählten Ausschnitt erzählt und deutet der Künstler die Weihnachtsgeschichte. Eine Lesehilfe hat er uns auf das Dach des armseligen Stalles gemalt. Der Stall, so löchrig und unbehaglich, wie er ist, erzählt einerseits von Armut. Andererseits öffnen die Löcher im Dach aber auch das Haus zum Himmel hin. Dass uns Armut, Krankheit und Leid auch für Gott öffnen, das ist der Trost des Weihnachtsfestes.

Die Lesehilfe des Bildes ist das „U“ auf dem Dach. Es ragt mittig in den Himmel hinein und fängt ihn zugleich wie eine Schale auf. Die Geschichte beginnt, so, wie man ein „U“ schreibt, oben links im Himmel. Ein Engel bringt die frohe Botschaft. Wie ein mittelalterlicher Herold liest er sie aus einer Schriftrolle vor. „Ich verkündige Euch große Freude“, ruft er den Hirten auf dem Feld zu. Diese blicken neugierig zum Himmel. Einer der beiden hat einen Dudelsack. Nun ist er eingeladen, mit den Engeln zu musizieren.

Wenn Kinder ein Bild malen, beginnen sie gern mit dem Himmel und mit einer „Eckensonne“ oben rechts. In diesem Bild liegt die Sonne unten links in der Ecke. Die Sonne auf der Erde. Jesus ist die „Gnadensonne“. Gott selbst bringt himmlischen Glanz in diesen armseligen Stall. Auf Augenhöhe mit dem Gotteskind ist Josef, sein „Irgendwievater“, der, wie es sich für frischgebackene Väter gehört, auf der Erde krabbelt.

„Dass uns Armut, Krankheit und Leid auch für Gott öffnen, das ist der Trost des Weihnachtsfestes.“

Josef macht Feuer. Er sorgt für irdisches Glück. Er dient dem Heiland und neben einem Schemel sieht er selbst aus wie ein Tritt, eine Stufe für dich hinauf zum Himmel. Josef ist der Schutzpatron für alle Menschen, die einen lebenspraktischen Glauben haben. Er ist einer von den Hilfsbereiten, die sich nicht zu schade sind. Die Futterkrippe ist die nächste Stufe zum Himmel, das Bett des Heilands, dann kommen Ochs und Esel, erste Weggefährten des neugeborenen Kindes und die Erinnerung daran, dass wir Mitgeschöpfe sind und haben. Und schließlich steigen wir hinauf in den Himmel. Wir singen mit den Engeln: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.

Übergroß in der Mitte steht staunend und anbetend Maria, die reine Magd, ganz in Weiß. Als Vorbild des Glaubens gibt sie die Haltung vor, in der wir als irdische Menschen den Himmel empfangen.

Wo aber bin ich heute in diesem Bild? Singend wie die Engel, betend wie Maria, dienend wie Josef, hörend, wie die Hirten oder zerbrechlich wie der Stall? Ihnen allen gilt, womit die Erzählung beginnt: Euch ist heute der Heiland geboren.  Dekan Christian Wachter

• Besichtigung der Kirche in Rauschenberg (Kreis Marburg-Biedenkopf) auf Anfrage beim Pfarramt, Tel. 0 64 25/ 12 34, und bei Küsterin Barbara Hampel, Tel. 0 64 25/8 01 31.

Quelle: HNA

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