Geschlossene Geburtshilfe in der Wolfhager Klinik

Dr. Sontheimer: "Wir planen für 2014 ein nicht unerhebliches Defizit"

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Gerhard M. Sontheimer

Die Geburtshilfe in der Wolfhager Klinik ist seit dem 1. Februar geschlossen, unter Beteiligung der Stadt wird aber mit der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) weiter verhandelt, um eine Lösung für die Fortsetzung der Geburtshilfe zu finden. Ein Gespräch mit dem Vorstandvorsitzenden der GNH, Dr. Gerhard M. Sontheimer.

Herr Dr. Sontheimer, ist eine rein wirtschaftliche Betrachtung der Geburtshilfe in Wolfhagen die einzige, die für die GNH in Frage kommt? 

Dr. Gerhard Sontheimer: Nein. Es geht hier zunächst mal überhaupt nicht um Wirtschaftlichkeit. Es war so, dass die Belegärzte der Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe im Dezember 2013 bekanntgaben, dass sie die Versorgung zum 31. Januar 2014 einstellen werden. Sie waren der Auffassung, dass ein leitliniengerechtes medizinisches Angebot in der Geburtshilfe am Standort Wolfhagen dauerhaft nicht aufrecht erhalten werden kann.

Um was geht es dann also? 

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Sontheimer: Die Leitlinien sind eigentlich der Hintergrund des Ganzen. Diese Leitlinien, die im letzten Jahr neu gefasst wurden, heißen Mindestanforderungen zur geburtshilflichen Grund- und Regelversorgung, und die wurden deutlich höher gehängt, als das früher der Fall war.

Wo sind aus Ihrer Sicht die Knackpunkte für Wolfhagen? 

Sontheimer: Eine Hebamme muss ständig, rund um die Uhr an jedem Tag im Bereitschaftsdienst, das heißt, vor Ort im Haus verfügbar sein. Und sie muss innerhalb von fünf Minuten vom Moment an, wo man sie alarmiert, bei der Schwangeren sein. Das selbe gilt für die Kinderkrankenschwester. Es muss eine Fachkraft rund um die Uhr anwesend sein.

Und das ist in Wolfhagen nicht zu leisten? 

Sontheimer: Man muss ganz klar sagen, wir können diese Qualität in der Form, wie sie seit der zweiten Hälfte letzten Jahres gefordert wird, nicht sicherstellen. Wenn wir jetzt diese Richtlinien tatsächlich erfüllen müssten, dann käme ein Zusatzaufwand auf uns zu, der uns keinen Euro zusätzliche Erlöse bringen würde. Aber wir müssten neue Stellen schaffen, und auch bauliche Maßnahmen vornehmen.

Wie hoch wären Ihrer Meinung nach die Kosten? 

Sontheimer: Allein die zusätzlichen Stellen machen 520 000 Euro im Jahr aus. Das sind Zusatzkosten in einer Größenordnung, die das Haus jetzt nicht mehr tragen kann. Es steht aber nicht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund, sondern es geht einfach darum, voll in Übereinstimmung mit den jetzt geltenden Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zu sein.

Und die lassen keinen Spielraum zu?

Sontheimer: Eine Leitlinie hat keinen Gesetzescharakter. Aber es geht hier um etwas ganz Besonderes, nämlich um Geburtshilfe. Anders als manch andere Leitlinie hat sie glasklare Aussagen. Das hier ist keine Empfehlung, das ist eine Mindestanforderung, wo ganz klar drinsteht, es muss und geht nicht anders. Und weil wir die Leitlinie einhalten müssen, kommen wir an dem Mehraufwand nicht vorbei.

Bei den jährlichen Bilanzen der drei Kreiskliniken hatte Wolfhagen immer das beste Ergebnis und erwirtschaftete Überschüsse. Und das, obwohl die Geburtshilfe defizitär ist. Warum kann das Krankenhaus nicht weiter als wirtschaftliche Einheit betrachtet werden, warum können profitable Stationen nicht die Geburtshilfe subventionieren?

Sontheimer: Wir haben immer das Krankenhaus als Ganzes gesehen, so dass es letztlich zu einem Ausgleich kam. Daran hat sich nichts geändert. Und wir hätten das auf dem jetzigen Stand der Wirtschaftlichkeit auch weitergeführt. Aber jetzt wird ein Mehraufwand fällig, den wir nicht mehr tragen können.

In welcher Größenordnung hat sich diese Querfinanzierung bislang abgespielt?

Sontheimer: Ich möchte die Zahl, wie groß die Unterdeckung der Abteilung Gynäkologie/Geburtshilfe insgesamt ist, nicht öffentlich machen. Es ist eine nicht unerhebliche Zahl. Es hat eine erhebliche Quersubventionierung in der Vergangenheit stattgefunden.

Wie sieht die wirtschaftliche Lage der Wolfhager Klinik derzeit aus?

Sontheimer: Wir haben in den vergangenen Jahren in Wolfhagen einen Überschuss erzielt. Wir planen für 2014 ein Defizit, ein nicht unerhebliches Defizit.

Woran liegt das?

Sontheimer: Stichwort Tarifschere. Wir werden auch in diesem Jahr wieder Mehraufwendungen im Personalkostenbereich von drei bis vier Prozent haben. Material- und Sachkosten steigen etwa in gleichem Umfang. Erlössteigerungen kriegen wir entweder überhaupt nicht mehr oder in einer Größenordnung von 0,5 bis 0,8 Prozent. Die Leistungen bleiben in etwa gleich und die Kosten gehen nach oben.

Die Kostensteigerungen und die Leitlinien gelten ja auch für die Kreisklinik in Hofgeismar. Dort steht die Geburtshilfe aber nicht auf der Kippe. Was macht man dort anders?

Sontheimer: Hofgeismar hat bei uns eine sehr günstige Situation, das hat aber mit dem Personal zu tun. Wir haben nämliche etliche Mitarbeiter – Hebammen und qualifiziertes Pflegepersonal – die wohnen in unmittelbarer Nähe zur Klinik. Und die haben tatsächlich, anders als wir es in Wolfhagen hatten, einen Rund- um-die-Uhr-Dienst eingerichtet.

Festangestellte Hebammen hat man dort auch nicht. Ist es also in Hofgeismar tatsächlich die räumliche Nähe zur Klinik?

Sontheimer: Ja genau. Das ist vielleicht ein glücklicher Zufall.

Kein Zufall war die Zusammenlegung der Gynäkologie/Geburtshilfe vor fast einem Jahr mit Chirurgie, Urologie und HNO in Wolfhagen.

Sontheimer: Wir hatten vorher zwei Stationen mit einer Auslastung von unter 60 Prozent. Wir haben die Teams zusammengelegt. Alles, was dabei eingespart wurde, weil man jetzt ein übergreifendes Team hat, sind 2,5 Stellen, das entspricht etwa 180 000 Euro. Seinerzeit haben wir über diese Leitlinien noch nicht gesprochen, weil es sie so noch gar nicht in der verschärften Form gegeben hat. Da ging es ganz allgemein darum zu schauen, wo kann man Geld sparen, weil wir aus einer profitablen Situation in die roten Zahlen fürs ganze Haus zu rutschen drohten.

Es wird weitere Gespräche – beispielsweise mit Bürgermeister Reinhard Schaake – über einen Neustart der Geburtshilfe in Wolfhagen geben?

Sontheimer: Ja. Und zwar ohne dass zwischenzeitlich auf der Station irgendwelche Strukturen verändert werden und ohne dass Personal verschoben wird. Wir werden sehen, ob es gelingt, von irgendwelchen Seiten zusätzliche Mittel zu bekommen, die es erlauben, diese Geburtshilfe mit Zuschüssen weiter zu führen.

Von Norbert Müller

Quelle: HNA

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