Melsunger Reihe „Eine Stadt liest ein Buch“ befasst sich mit der letzten Lebensphase

Sorge um die Alten ist ständig da

Literarische Patin: Der Titel „Das Haus der Schildkröten“ spielt auf eine Schlüsselszene des Buches an. Foto:  dpa

Melsungen. Eine Stadt liest ein Buch – unter diesem Motto hatte Melsungen vor zwei Jahren erstmals eine komplette Veranstaltungsreihe rund um Grimms Märchen organisiert. Nun lädt der städtische Kulturbeirat wiederum alle Melsunger ein, sich gemeinsam einem Stück Literatur zu widmen. Es geht dabei ums Alter in der letzten Lebensphase, um die damit verbundenen Sorgen, Eigenheiten, familiären Missverständnisse und Probleme.

Das Buch heißt „Haus der Schildkröten“ und stammt von der Freiburger Erfolgsautorin Annette Pehnt, die als Spezialistin für die Randbereiche des menschlichen Daseins gilt. Statt einer ganzen Veranstaltungsreihe solle es diesmal zunächst nur einen Lesungs- und Diskussionsabend mit der Autorin geben, erläuterten Mitglieder des Kulturbeirats ihre Vorstellungen. Davon aber erhoffe man sich, dass in Melsungen eine nachhaltige Debatte rund ums Alter in Gang kommt. Auf der Basis gemeinsamer Leseerfahrung solle das Thema dann ab kommendem Frühjahr in weiteren Veranstaltungen vertieft werden.

Die Lesung mit Annette Pehnt ist geplant für Donnerstag, 7. Oktober, ab 19.30 Uhr im Kollegraum der Melsunger Stadthalle. Spätestens dabei soll die Lust der Melsunger geweckt werden, sich mit dem vollständigen Buch zu beschäftigen. Es ist eine Geschichte, in der viele das Verhältnis zu ihren eigenen, betagten Angehörigen wiedererkennen dürften.

Literarisch berichtet wird aus dem abgeschlossenen Kosmos eines Seniorenheims, in dem sich zwei alte Herrschaften immer mehr in die Demenz verabschieden. Eine Tochter hier, ein Sohn dort kommen regelmäßig zu Besuch, werden Zeugen des fortschreitenden Verfalls und des pragmatischen Umgangs der Pflegebediensteten mit den alten Menschen.

Schicksalsgemeinschaft

Die beiden Kinder begreifen sich mehr und mehr als Schicksalsgemeinschaft, nähern sich schließlich einander liebend an und brechen zu einer gemeinsamen Fernreise auf. Doch auch in fernen Weltgegenden erleben sie, dass die Sorge um ihre betagten Angehörigen wie eine Fessel wirkt, der sie nicht entrinnen können.

„Was man weitertragen muss, ist diese Sicht der Kinder und deren permanent schlechtes Gewissen“, sagt Isolde Posch vom Melsunger Kulturbeirat.

In das Buchprojekt ist ebenso die städtische Seniorenarbeit eingebunden. Melsungens Bürgermeister Dieter Runzheimer sieht das Angebot als naheliegende Fortsetzung der Debatten beim 1. Melsunger Seniorentag, wo der Bremer Ex-Bürgermeister und Alters-Aktivist Henning Scherf mit seinem Auftritt für viel Gesprächsstoff gesorgt hatte.

„Das Haus der Schildkröten“ erzählt eine über weite Strecken recht deprimierende Geschichte über das Altwerden. Aber die Autorin hat auch ein Gespür für rührende und schöne Szenen.

Dieter Naleppa vom Kulturbeirat erkennt in den Lebensäußerungen der dementen Alten durchaus auch „subjektives Glück – wenn man sie nur lässt“.

Von Axel Schwarz

Quelle: HNA

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