Geschenke zu Weihnachten

Soziologe klärt auf: Darum ist Schenken anstrengend - und nie vollkommen selbstlos

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Freud und Leid zugleich: Schenken kann viel Spaß machen, kann uns aber zugleich auch unter Druck setzen.

Kassel. Seit Wochen brummt der Umsatz in den heimischen Geschäften und bei Onlinehändlern: Weihnachten steht vor der Tür, und die Menschen kaufen Geschenke in Hülle und Fülle.

Wir sprachen mit Soziologieprofessor Jörn Lamla von der Uni Kassel über das Schenken und warum es nicht nur schön, sondern auch stressig sein kann.

Viele Menschen empfinden das Geschenkebesorgen vor Weihnachten als stressig. Eigentlich sollte Schenken doch etwas Schönes sein. Woher kommt der Druck?

Prof. Dr. Jörn Lamla: Das Schenken hat aus Sicht der Soziologie zwei Seiten. Einerseits geschieht es natürlich freiwillig: Wir wollen jemandem eine Freude machen. Andererseits gibt es auch Elemente des Zwangs. Denn mit dem Schenken werden immer wieder zwischenmenschliche Bindungen erneuert. Wir stehen also ein Stück weit unter dem Druck, denen, die uns etwas bedeuten, etwas zu schenken. Das kann ein belastendes Gefühl sein. Vor allem, wenn man versucht, das mit sehr vielen Menschen hinzubekommen. Dann wird es anstrengend.

Schenken sollte im besten Sinne selbstlos sein. Aber erwarten die meisten Menschen nicht doch eine Gegenleistung?

Lamla: Auch das ist ein Widerspruch, der im Schenken liegt. Es spielt beides eine Rolle. Schenken ist nie vollkommen selbstlos, denn man erhofft sich zumindest die Dankbarkeit des Beschenkten. Genau das ist ja auch ein Teil des Problems, warum das Schenken als anstrengend empfunden wird: Wenn wir etwas bekommen, verspüren wir eine Verpflichtung, auch etwas zu erwidern. Aber Schenken darf auf der anderen Seite eben nicht angeglichen werden an den ökonomischen Tausch.

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Man hat aber häufig den Eindruck, genau so läuft es – nach dem Motto: „Gibst Du mir, so geb ich Dir“. Wo liegt noch der Unterschied zum Tauschen?

Prof. Jörn Lamla

Lamla: Beim Tausch geht es um Warenwerte und Äquivalente, die ökonomisch verrechnet werden. Beim Schenken geht es eben nicht nur um Ökonomie. Großzügigkeit und Altruismus müssen Elemente des Schenkens sein. Denn nur so entsteht Bindung zwischen Menschen. Durch Schenken entsteht der Kitt unserer Gesellschaft. Man kann das Ganze auch kulturhistorisch betrachten: Mit großzügigen Gaben wurde Macht demonstriert, es wurden Hochzeiten eingefädelt oder Politik gemacht. Letztlich ging und geht es bis heute beim Schenken um friedliche Beziehungen: Wie schaffen wir es, Anerkennung auszudrücken und Freundschaften aufzubauen?

Allen, die unter dem Geschenkestress stöhnen, könnte man also sagen: Gesellschaftlich gesehen hat Schenken seine Berechtigung?

Lamla:Sozusagen. Schenken ist soziologisch gesehen von großer Wichtigkeit. Im Akt des Schenkens kommen wir in die Lage, nachzudenken, welche Beziehungen wir in der Gesellschaft haben wollen. Nicht nur in Freundeskreis und Familie. Sondern auch gegenüber Menschen in ärmeren Regionen der Welt, denen wir beispielsweise mit Spenden etwas Gutes tun können. Wir können darüber nachdenken, ob wir den Sozialstaat nur leben, weil es das Risiko gibt, dass wir auch einmal Nutznießer sein könnten – oder aus einem wirklich solidarischen Gedanken. Das sind Fragen, die die gesamte Gesellschaft betreffen, und geklärt werden müssen. Die Weihnachtszeit bietet einen Anlass, darüber nachzudenken.

Man hat aber den Eindruck, statt um solche Überlegungen geht es zunehmend um Konsum. Es wird immer mehr und immer teurer geschenkt. Woran liegt das?

Lamla: Daran, dass die Art und Weise, wie wir das Schenken ausgestalten, nicht genau festgelegt ist. Also nimmt sich die kommerzielle Welt des Problems an. Und nimmt uns auch ein stückweit die Kontrolle ab, wenn wir uns nicht im Klaren sind, wie wir Schenken wollen. Sie macht uns Entlastungsangebote, indem sie das Schenken ritualisiert und kommerzialisiert. Wir bekommen überall Vorschläge gemacht, was wir denn schenken könnten. So nimmt der Handel uns den Druck, selbst darüber nachdenken zu müssen. Die Folge ist, dass ökonomische Maßstäbe eine größere Rolle spielen.

Schenken und Tauschen rücken durch den Kommerz also näher aneinander. Auch gewünscht wird ja eifrig vor Weihnachten. Unterscheidet sich ein Wunsch- noch von einem Bestellzettel?

Lamla: Der Wunschzettel ist auch so eine Entlastungsstrategie. Er reduziert das Risiko einer Enttäuschung beim Beschenkten, aber gleichzeitig produziert er auch die Enttäuschung.

Wir müssen nicht mehr überlegen, was ein gutes, persönliches Geschenk für jemanden wäre, sondern nur etwas von der Liste besorgen. Dadurch geht verloren, was das Schenken eigentlich ausmacht: Dass der Schenkende auch etwas von seiner Person mitgibt in dem Geschenk, das er ausgesucht hat.

Wenn wir nur einen Bestellzettel abarbeiten, werden Schenken und Beschenktwerden fast wie Einkaufen. Dann funktioniert es nicht mehr richtig.

Viele Menschen würden gern aus der Konsumspirale zu Weihnachten aussteigen. Würde dann aus soziologischer Sicht etwas fehlen?

Lamla: Das ist eine Reaktion auf eben diese extreme Kommerzialisierung des Schenkens, die ja auch eine Form der Verschwendung ist. Wir bekommen Vieles geschenkt, was man nicht braucht. Der Wunsch, dieses Zuviel zu stoppen, ist nachvollziehbar. Nur: Der Verzicht auf Schenken ist in zweierlei Weisen problematisch. Erstens ist es eine Flucht vor der Aufgabe, Bindungen zu pflegen oder aufzubauen. Und zweitens, was den Wunsch nach einem nachhaltigen Konsum betrifft, hilft Verzicht nicht immer. Denn das Geld wird dann an anderer Stelle ausgegeben, entweder von uns selbst oder von der Bank, die damit arbeitet.

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Wie könnte man dennoch dem Kommerz vor Weihnachten trotzen?

Lamla: Wir können zum Beispiel Zeit verschenken statt Waren. Man legt sich ja eine Menge gegenseitig unter den Baum, aber bekommt kaum noch mit, was die anderen auspacken. Oder man hat gar keine Zeit, sich gemeinsam mit den Kindern mit den geschenkten Spielsachen zu beschäftigen. Warum nicht ein Geschenk weniger kaufen und dafür die Arbeitszeit ein paar Stunden reduzieren? Zeit zu verschenken, ist eine nachhaltige Form von Verausgabung und dient in besonderer Weise der Pflege von Beziehungen und Bindungen.

Zur Person: Prof. Dr. Jörn Lamla

Prof. Dr. Jörn Lamla (49) leitet das Fachgebiet Soziologische Theorie und ist zurzeit Dekan am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Uni Kassel. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Themen Konsum, Verbraucherschutz und digitaler Wandel. 

Lamla studierte zunächst Politikwissenschaft, Mathematik, Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Dissertation und Habilitation legte er in Jena ab. 2013 übernahm er die Professur in Kassel. Lamla ist verheiratet und hat einen Sohn. Er lebt mit seiner Familie in Kassel.

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