Melsunger Tageblatt schlummerte auf Dachboden

70 Jahre alte Zeitung in Sperrmüll-Koffer entdeckt

+
Etwas verknittert, aber noch gut lesbar: Das 70 Jahre alte Melsunger Tageblatt entdeckte Silke Salzmann in einem Koffer vom Sperrmüll.

Spangenberg. Die Schlagzeilen sind 70 Jahre alt: "Harte Seegefechte vor der Invasionsfront", "Über 300 vernichtete Feindpanzer" - so titelte das Melsunger Tageblatt am 15. Juni 1944. Silke Salzmann konnte es kaum glauben, als sie die vergilbte Zeitung jetzt in einem alten Koffer auf ihrem Dachboden entdeckte.

Vor vier Jahren habe ich den Koffer auf dem Sperrmüll gefunden", erzählt die Spangenbergerin. Er steckte in einem weiteren, größeren Koffer. "Ich habe beide mitgenommen, weil ich dachte, dass man daraus noch etwas Schönes machen kann", erklärt Salzmann. Doch ersteinmal hatte sie noch keine Verwendung für ihre Fundstücke - und so lagerten die zwei Koffer vier Jahre lang auf dem Dachboden der Salzmanns. "Ich habe in den kleinen Koffer nicht mal reingeschaut", sagt die 41-Jährige.

Vor Kurzem aber fiel Silke Salzmann ihr Fund wieder ein: Sie wollte einen eigenen Laden eröffnen und suchte dafür noch etwas Dekoration. Also stieg sie hinauf auf den Speicher und kramte die Koffer hervor. Diesmal öffnete sie auch den Kleinen - und darin lag die 70 Jahre alte Zeitung. "1944 waren noch nicht mal meine Eltern auf der Welt", sagt sie.

Zeitunglesen gehört für Salzmann dazu: Jeden Morgen liege die HNA auf ihrem Frühstückstisch, sagt sie. Klar, dass die 41-Jährige nun auch neugierig auf das war, was vor 70 Jahren in der Zeitung stand. "Die altdeutsche Schrift ist allerdings sehr schwierig zu lesen", sagt Salzmann. Kopfschüttelnd überfliegt sie die Artikel. "Der Krieg steht im Mittelpunkt", stellt sie fest. Das zieht sich bis ins Lokale hinein: Da werden die "Frauen im Kreise Melsungen" aufgerufen, sich an der "Kriegsheimarbeit" der NS-Frauenschaft zu beteiligen: "Handschuhe nähen, Riegel für Knopflöcher arbeiten, Knöpfe annähen, so heißt die Losung!", ist da zu lesen.

Selbst in der Werbung spiegelt sich das Kriegsgeschehen wider: "Jeder Kranke läßt eine Lücke in der Kampffront der Heimat offen. Der Wille zur schnellen Gesundheit ist deshalb Pflicht", heißt es in einer Anzeige für Arzneimittel.

Hinweise auf deutsche Kriegsverbrechen und auf die sich bereits andeutende Niederlage der Wehrmacht sucht man im Melsunger Tageblatt vergebens. Stattdessen werden vermeintliche Erfolge der deutschen Streitkräfte geschildert.

Makaber wirkt inmitten der Kriegsberichterstattung ein Artikel über den Beginn des Flußbadebetriebs in Melsungen: "So ist nun wieder die Zeit gekommen, da Jung und Alt hinausströmt in unsere herrlichen Sommerbäder."

Silke Salzmann hofft nun, dass dieses vergilbte Stückchen Geschichte einen Platz im Archiv oder Museum findet: Es wäre schade, wenn das Papier irgendwann ganz zerfällt."

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare