Schülerbeförderung in Spangenberg

Zwei Brüder: Schulbus darf nur einen behinderten Jungen mitnehmen

Wollen gleiches Recht für beide Pflegesöhne: Gabriele und Peter Reichl aus Bischofferode wollen, dass auch die Busfahrten ihres jüngeren behinderten Pflegesohnes zur Schule bezahlt werden. Foto: Feser

Bischofferode. Wenn Max* krank ist, darf Lukas* nicht mit dem Bus in die Schule fahren. Damit wollen sich Gabriele und Peter Reichl aus Bischofferode nicht abfinden.

Sie sind die Pflegeeltern der beiden behinderten Jungen Max und Lukas (*Namen von der Redaktion geändert) und sind sauer, denn sie wollen, dass für beide Pflegekinder gleiches Recht gilt.

Die Schulfrage 

Max ist zwölf Jahre alt, Autist und wurde vor sechs Jahren aufgrund seiner Behinderung vom Schulamt Fritzlar auf die Paul-Moor-Schule in Reichensachsen/Werra-Meißner-Kreis empfohlen. Die Schule hat einen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Sie ist die nächstgelegene Schule für Max, obgleich sie im Werra-Meißner-Kreis liegt. Von Bischofferode, am äußersten Schwalm-Eder-Kreis-Rand gelegen, nach Reichensachsen sind es 24 Kilometer. Die Fahrkosten teilen sich der Schwalm-Eder-Kreis und der Werra-Meißner-Kreis.

Pflegebruder Lukas ist sieben Jahre alt und hat eine Entwicklungsverzögerung. Für ihn gab es aufgrund des neuen Hessischen Schulgesetzes (Stichwort Inklusion) keine Schulempfehlung. Seine Pflegeeltern hatten sich aus praktischen Gründen dafür eingesetzt, dass auch er zur Schule nach Reichensachsen gehen kann. Dort besucht er nun die 1. Klasse. In Sachen Fahrkosten hatte der Schwalm-Eder-Kreis im Vorfeld der Einschulung entschieden, dass Lukas für die Dauer des Schulbesuchs von Pflegebruder Max mit dem Schulbus nach Reichensachsen fahren darf (siehe Hintergrund). „Es dürfen jedoch keine zusätzlichen Fahrten für ihn durchgeführt werden.“ So steht es im Bescheid. Aber was sind zusätzliche Fahrten?

Das Problem 

Im Herbst konnte Max an zwei Tagen nicht zur Schule fahren, weil er Therapie in Kassel hatte. Also fuhr nur Lukas mit dem Schulbus nach Reichensachsen. Das Busunternehmen meldete sich Tage später bei Familie Reichl und teilte mit, dass der Schwalm-Eder-Kreis die Fahrten des Jungen nicht bezahlt. Begründung: Laut Beförderungsbescheid gilt dies als zusätzliche Fahrt, weil Max an dem Tag nicht die Schule besucht hat.

Die Eltern 

„Niemand hat uns auf das Problem hingewiesen“, sagt Gabriele Reichl, „dass Lukas nur zur Schule fahren darf, wenn Max im Bus mitfährt.“ Aber was ist, wenn Max auf Klassenfahrt ist? Oder krank ist? Das können die Eltern nicht verstehen. „Und wenn Max länger nicht zur Schule geht: Muss Lukas dann auch zuhause bleiben?“, fragen sie sich. Und ist Lukas eigentlich versichert, wenn das Busunternehmen ihn trotzdem mitnimmt?

Die Reichls haben angeboten, das Geld für Lukas’ Schülerbeförderung zu zahlen, wenn Max nicht im Bus zur Schule fährt. „Aber man nennt uns weder Zahlen, noch bekommen wir eine Rechnung“, sagt Gabriele Reichl.

Mögliche Lösung 

Die Reichls haben viele Telefonate geführt und Briefe geschrieben. Einer ging zuletzt an Winfried Becker, den Ersten Kreisbeigeordneten. Auf HNA-Anfrage teilte nun die Leiterin der Schulverwaltung, Gabriele Baar mit, dass am heutigen Mittwoch zusammen mit der Jugendhilfe geprüft werden soll, ob es eine Lösung gibt. Von Claudia Feser

Das sagt das Schulamt 

„Das ist menschlich nicht akzeptabel“, sagt Schulamtsdirektor Lothar van Eikels, vom Staatlichen Schulamt Fritzlar, „so kann man mit einer Familie, die sich um behinderte Kinder kümmert und vor allem mit den Kindern nicht umgehen.“ Die Entscheidung, beide Kinder an eine Schule zu schicken, sei pragmatisch gefällt worden. Er habe sich mit dafür eingesetzt.

Er habe den Bescheid des Landkreises zur Übernahme der Schülerbeförderungskosten von Lukas auch gesehen. Aber dass die Fahrtkosten für das jüngere Kind nur bezahlt werden, wenn der ältere Pflegebruder im Bus sitzt - „auf so eine Idee bin ich gar nicht gekommen“. Er habe Gespräche mit den zuständigen Stellen beim Landkreis geführt, „aber sie sind bei der bürokratischen Richtung geblieben.“

Das sagt der Landkreis 

„Seitdem das Hessische Schulgesetz in Kraft sei, sind alle Kinder, egal ob mit oder ohne Behinderung, gleichgestellt.“ Das sagt Gabriele Baar, Leiterin der Schulverwaltung beim Landkreis, die für die Schülerbeförderung zuständig ist. Durch die Gleichstellung ergäben sich viele Vorteile, aber auch Nachteile für die Kinder mit Behinderung.

Aufgrund des Schulgesetzes sei der Kreis als Schulträger gesetzlich verpflichtet, ein Kind zur nächst gelegenen Schule zu schicken. Im Fall von Lukas ist dies die Fuldatalschule Melsungen.

Da die Familie Reichl um eine Ausnahme geworben habe, gebe es den Bescheid, dass Lukas’ Schulbesuch inklusive Schülerbeförderung an die Dauer des Schulbesuchs von Pflegebruder Max gebunden ist.

Aufruf: Diskutieren Sie mit 

Das Thema Schulbeförderung sorgt häufig für Probleme. Haben Sie einen ähnlichen Fall erlebt wie Gabriele und Peter Reichl aus Bischofferode? Dann melden Sie sich per E-Mail in der HNA-Redaktion Melsungen: melsungen@hna.de

Von Claudia Feser

Quelle: HNA

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