Das Spangenberger Siechenhaus war einst neue Bleibe für Familie Görtzen

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Das Siechenhaus in Spangenberg war Teil der Stadtgeschichte: Im 15. Jahrhundert gebaut, wurde das Haus kürzlich abgerissen.

Spangenberg. Das Siechenhaus war ihr erstes Zuhause in Spangenberg. Als Burglind Görtzen nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling mit ihrer Familie in Spangenberg landete, wurde sie im Siechenhaus untergebracht. Es lag damals am Stadtrand, drum herum Wiesen und Felder. Ihrer Familie - Oma, Mutter und den Kindern Burglind (13 Jahre), Else-Herta (neun) und Georg-Rudolf (fünf) - wurden im Siechenhaus ein Zimmer und eine Vorratskammer zugeteilt.

„Das Siechenhaus war unsere erste Bleibe in Spangenberg.“

Im Siechenhaus lebten damals 25 Menschen, die meisten waren alt und hatten sich auf Lebenszeit in das Haus eingekauft - plus drei Flüchtlingsfamilien, eine davon Familie Görtzen aus Westpreußen. „Es war ein sehr schönes Haus“, erinnert sich Burglind Görtzen: mit breitem Treppenhaus und geräumigen Zimmern. Aber es gab keine Heizung, je eine Toilette und einen Wasserhahn auf jeder Etage. Im Erdgeschoss war eine große Stube, die beheizbar war. Im Winter versammelten sich dort die Bewohner. Dort wurde auch gemeinsam Advent gefeiert. Zwei Mal wöchentlich wurde die Glocke geläutet, die neben der Treppe hing. Dann kam der Küster und musste eine Andacht in der großen Stube halten. „Wir Kinder waren aber nicht dabei“, berichtet Burglind Görtzen.

Fenster waren bleiverglast 

In Westpreußen hatte Familie Görtzen ein Haus mit Garten. Das ihnen nach der Flucht zugeteilte Zimmer plus Vorratskammer im Siechenhaus war stark verdreckt, die Fenster bleiverglast, in der Decke klaffte ein großes Loch, der Boden war mit Bohnenstroh ausgelegt. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch war die neue Bleibe eine Chance für ihren Neuanfang.

Die Familie konnte sich gut integrieren: Die Mutter war eine geschickte Näherin und schneiderte in den Häusern der Spangenberger Kleidung; die drei Görtzen-Kinder schlossen schnell Freundschaften mit den Spangenberger Kindern.

Burglind Görtzen lebte nur anderthalb Jahre im Siechenhaus, dann verließ sie als 16-Jährige die Kleinstadt: Sie machte eine Erzieherinnen-Ausbildung, studierte später Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit 60 kehrte Burglind Görtzen nach Spangenberg zurück. Ihre Mutter, die Schwester und der Bruder lebten bis 1970 im Siechenhaus. Dessen Abriss ist für sie und ihre Geschwister ein Verlust. Als sie vor Wochen den Bauzaun sah, dachte Burglind Görtzen zunächst, dass das Gebäude renoviert wird. Dann kam der Bagger. „Das gibt’s doch nicht“, dachte sie damals und sagt heute: „Das war schlimm.“

Übrigens: Ihre erste Nacht in Spangenberg - nach einer vierjährigen Flucht von Westpreußen über Dänemark nach Deutschland - verbrachte Familie Görtzen im Junkerhaus. Auch das ist mittlerweile abgerissen.

 

Quelle: HNA

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