Jedermann-Premiere: Beeindruckende Dichte und hohes darstellerisches Niveau

Jedermann feierte Premiere

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Angst vor dem Tod: Jedermann (Claus Biederbeck) sucht verzweifelt Begleitung auf dem Weg des Sterbens.

Niederelsungen. Glaube, Liebe, Hoffnung - von diesen Dreien hat sich „Jedermann“ längst verabschiedet. Sein ständiger Begleiter ist der Teufel.

Dieser tarnt sich als guter Gesell und ist mit Eloquenz und Eleganz allgegenwärtig. Doch wirklich gut ist der Gesell (Dieter Wehner mit diabolischem Charme) nur, was die Finanzen betrifft. Ansonsten zielt seine Beratertätigkeit darauf ab, Jedermanns Herz erkalten zu lassen, je mehr sich dessen Reichtum häuft.

Die uralte Parabel um den Verlust von sozialen und christlichen Werten angesichts von Gewinn- und Machstreben hat Hugo von Hofmannsthal (1874 bis 1929) in Form eines spätmittelalterlichen Mysterienspiels verfasst - zeitfern und damit immer zeitnah. Die Modernität der Personifizierung abstrakter Begriffe bringt das Ensemble um Regisseur Arnd Röhl in beeindruckender Dichte an und in das Publikum, das im engen Areal des Niederelsunger Kirchhofs in das Geschehen eingebunden ist.

Jedermann-Premiere in Niederelsungen

Röhl verzichtet zugunsten des natürlichen Spiel-Raumes, der die Kirche als Kulisse nutzt und selbst den puristischen, auf einem Baumstumpf ruhenden Bühnenvorbau dem Sandsteingemäuer angepasst hat, auf Pomp und Prunk, lässt stattdessen die Figuren wirken. Die dürfen Nuancen ausspielen, die bei großen Inszenierungen des beliebten Werkes oft untergehen.

Besonders deutlich wird dies bei der Hauptfigur. Jedermann ist nicht nur der geldgeile Kapitalist, er hat sich einen Rest von Menschlichkeit bewahrt - Claus Biederbick vermag Selbstzweifel und den Übergang von Unsicherheit zu purer Angst sensibel umzusetzen.

Bei großer Dominanz des Duos Teufel/Jedermann werden die anderen Figuren reduziert auf ihren Gehalt, ihre Funktion beim Sterben des reichen Mannes. Sie rücken dadurch jedoch nicht in den Hintergrund, sondern entfalten in den jeweiligen Szenen äußerst prägnant ihre Qualität. Stellvertretend seien hier der geldklimpernde Mammon (Gerth Böhle) und die anrührend intensiv leidenden Werke (Eva Götte) genannt.

Den Bogen vom religiös geprägten zeitentrückten Gleichnis zum Hier und Jetzt wird einerseits im Detail geschlagen: Der Tod (sanft-souverän: Udo Böhle) trägt Brille und die Buhlschaft (zurückhaltend-kühl: Bianka Röhl) knallrote Stöckelschuhe. Noch größeren Anteil am Gegenwartsbezug aber hat die intime Atmosphäre des Spielorts, in der wohl jeden im Publikum das Nachdenken über den Tod und die wichtigen Dinge des Lebens überkommt - ganz unabhängig vom christlichen Inhalt des Stückes.

Die Frage, ob bei diesem „Jedermann“ Mitglieder der Kirchengemeinde oder der Waldbühne auf der Bühne stehen, ist angesichts der straffen, punktgenauen Aufführung irrelevant. Grenzen lassen sich nicht ziehen - hier eint ein spielendes Dorf.

Quelle: HNA

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