Helga Felsing entdeckte historischen Ziegenhainer Zeitungsband auf dem Flohmarkt

Spuk und grüner Hering

Wissenswertes aus vergangenen Zeiten: Helga Felsing blättert gern im Zeitungsband des Ziegenhainer Tageblatts, den sie auf einem Marburger Flohmarkt entdeckte. Foto: privat

Schwalmstadt/alsfeld. Die spannende Zeitreise begann unverhofft: Auf dem Flohmarkt auf dem Marburger Messeplatz entdeckte Helga Felsing einen Band der Ziegenhainer Zeitung aus dem Jahr 1922. „Den hab ich spontan gekauft“, sagt die gebürtige Alsfelderin, deren Großvater 1870 in Hattendorf zur Welt gekommen war.

Zu Hause blätterte sie ausgiebig in dem 92 Jahre alten Band und las, was die Menschen in der Schwalm damals über die Entwicklungen in Deutschland und der Welt erfuhren: Nachrichten über „Frankreichs Absichten auf das Ruhrgebiet“, die Börsenkurse, den Millionendiebstahl bei der Reichsbank oder den Mord an Walter Rathenau. Natürlich brachte das Tageblatt für den Kreis Ziegenhain auch zahlreiche lokale Berichte über das Wetter, die Landwirtschaft und die Vereine, über Unfälle und Gerichtsprozesse. Das pralle Leben.

„Es ist so viel Interessantes drin, das sollte erhalten bleiben, das möchte ich weitergeben“, sagt Helga Felsing. Vor allem über die Inserate habe sie sich köstlich amüsiert. Ein „solides Hausmädchen“ wird da beispielsweise gesucht. Auch über den Alltag und die Lebenshaltungskosten ist einiges zu erfahren. So bietet die Konsum- und Spargenossenschaft Treysa und Umgebung „prima blutfrische grüne Heringe“, das Pfund zu 6,50 Mark, an, aber auch Makkaroni, Rüböl, Futtermittel und ungesalzene Tafelmargarine. „Mitglieder, deckt euren Bedarf an eurer Verteilungsstelle“, wirbt die Genossenschaft für die Idee des gemeinsamen Wirtschaftens. „Je größer der Umsatz, desto größer euer Nutzen.“

In Marburg soll ein Gespenst spuken, das die Leute „das goldene Kalb“ nennen. „Die Mädchen getrauen sich nicht mehr in die Spinnstuben zu gehen“, schreibt die Zeitung.

Auch getwittert wird schon ein bisschen: „Kleine Zeitung für eilige Leser“ heißt die Rubrik auf der ersten Seite, in der Kurznachrichten in einem Satz zusammengefasst sind. Die wirtschaftlichen und politischen Krisen in der Zeit der Weimarer Republik wirken sich auf alle Lebensbereiche aus, auch viele Verlage geraten in Not.

Vorsorglich appelliert die Ziegenhainer Zeitung im Juli 1922 an ihre Abonnenten und solche, die es werden sollten: „Für jeden, der an der Verfassung unseres Staatswesens noch ein klein wenig Interesse hat, ist es unerläßlich, eine Tageszeitung zu lesen, will er nicht ganz weltfremd werden und vereinsamen zu einer Zeit, wo das ganze Volk, Männer und Frauen, an der Gestaltung des Gemeinwesens mitarbeiten sollen.“ Eine faszinierende Lektüre, findet Helga Felsing, die sich jetzt überlegt, wer in der Schwalm Interesse an dem gut erhaltenen, geschichtsträchtigen Band haben könnte. „Heimatforscher vielleicht? Museen oder Archive?“ (red)

• Per E-Mail ist Helga Felsing unter helgafelsing@t-online.de zu erreichen.

Quelle: HNA

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