Gedenken an Familie Rosenstein aus Wolfhagen

Erinnerungen an getötete Juden: SS-Aufseher erschlug einjähriges Kind

Erstmals Gedenkveranstaltung am 27. Januar auch in Wolfhagen: Etwa 50 Menschen, unter ihnen auch Schüler, erinnerten an die Gräueltaten der Nazis an den Juden. Fotos: Thon

Wolfhagen. In Wolfhagen wurde auf dem jüdischen Friedhof der im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden gedacht. Dabei wurde auch an das Schicksal der Familie Rosenstein erinnert.

Die Liste jüdischer Menschen, die im Wolfhager Land geboren wurden oder hier eine Zeitlang lebten, wird immer länger. Bei seinen Recherchen stößt der Volkmarser Ernst Klein ständig auf neue Namen. Das führte nun dazu, dass die geplante Enthüllung einer Gedenktafel an einem Haus an der Burgstraße vertagt wurde. Denn die Familie Rosenstein, deren Geschichte mit dem Haus Nummer 23 verbunden ist, war offenbar größer und ihr Schicksal grausamer als zunächst bekannt.

Die Worte kommen Ernst Klein nicht leicht über die Lippen, als er während der Gedenkveranstaltung am Dienstag auf dem jüdischen Friedhof in Wolfhagen die Geschichte Max Rosensteins und seiner Familie erzählt. Der Volkmarser Klein, der bei seiner Spurensuche auf der ganzen Welt in Archiven forscht und schon einiges an Vergessenem zu Tage befördert hat, ist tief ergriffen.

Max Rosenstein wurde im Jahr 1906 in Wolfhagen geboren. Vier seiner Kinder - Horst, Alfred, Erich und Herbert - erblickten zwischen 1931 und 1937 das Licht der Welt. Bereits im Jahr 1933 habe die Vernichtung der Rosensteins begonnen, sagt Klein. Die Wolfhager setzen den damals 27-Jährigen auf einen Ochsen und trieben ihn vor aller Augen durch die Stadt. Man zwang ihn, Spottverse über sich zu rezitieren.

Es ist das Jahr 1942, in dem die Familie ins Vernichtungslager nach Auschwitz verschleppt wird. Bei seinen Recherchen stieß Klein auf einen Augenzeugenbericht. Dort heißt es: Grete Rosenstein muss bei der Ankunft in Auschwitz mit den vier Söhnen in der Reihe mit Frauen und Kindern Aufstellung nehmen. Max Rosenstein tritt in die Reihe der Männer. In seinen Armen hält er den erst einjährigen Nachkömmling des Paares. Ein SS-Aufseher fragt Rosenstein, ob er nicht wisse, dass Kinder in die andere Reihe gehörten. Rosenstein erwidert, dass seine Frau bereits vier Kinder bei sich habe und er sich um das Jüngste kümmern wolle. Daraufhin entreißt ihm der Aufseher das Kind und erschlägt es vor den Augen des Vaters und der Menschen, die auf dem Platz Aufstellung genommen haben. Nur mit Mühe können die anderen Männer Max Rosenstein daran hindern, sich auf den SS-Mann zu stürzen.

Verlasen die Namen jüdischer Mitbürger aus dem Wolfhager Land, die ermordet oder deportiert worden waren: Jugendliche der Wilhelm-Filchner-Schule in Wolfhagen.

Während Rosenstein das Konzentrationslager Auschwitz überlebt, werden noch im Jahr ihrer Ankunft seine Frau Grete und die Kinder im Alter von elf, zehn, sieben und fünf Jahren ermordet. Wie Ernst Klein inzwischen weiß, hat Max Rosenstein nach seiner Befreiung wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet.

Zur Erinnerung an die vielen Juden, deren Leben in den Vernichtungslagern der Nazis ein Ende fand, hatten sich etwa 50 Menschen auf dem jüdischen Friedhof in Wolfhagen versammelt. Es war das erste Mal, dass dieser seit dem Jahr 1996 veranstaltete Gedenktag auch in Wolfhagen Beachtung fand.

Am 27. Januar 1945 war die Rote Armee ins Konzentrationslager Auschwitz einmarschiert und hatte die Überlebenden befreit. Auch Wolfhager Juden waren nach Auschwitz deportiert worden. Schüler der Wilhelm-Filchner-Schule hatten während der Gedenkstunde die Namen jüdischer Mitbürger verlesen.

In Wolfhagen habe man erst spät mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen, sagt Ernst Klein. Das Leid der Menschen, die von den Nazis vernichtet wurden, lasse sich nicht nachempfinden. „Aber wir können unsere Achtung ausdrücken, indem wir ihnen ihre Identität wiedergeben.“

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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