Vizelandrat Winfried Becker nach Giftunfall: Feuerwehr hat nicht überreagiert

Auf Video dokumentiert: Der Giftunfall in der Umschlaghalle der Homberger Spedition CTL. Foto: Rohde

62 Menschen verletzten sich bei dem Giftunfall, der sich beim Homberger Logistiker CTL ereignet hatte. Aus Sicht der Firma haben die Rettungskräfte überreagiert. Davon könne keine Rede sein, erklären Vizelandrat Winfried Becker und Kreisbrandinspektor Werner Bähr im Interview.

Der Homberger Logistiker CTL hat massiv Kritik am Vorgehen der Rettungskräfte geübt. War der Aufwand überzogen?

Becker: Ich bin über die Kritik von CTL stinksauer.

Was hat Sie so aufgebracht?

Winfried Becker

Becker: Es handelt sich bei Phenylmercaptan definitiv um einen hochgefährlichen Stoff, der in den Begleitpapieren auch so deklariert ist. Diese Informationen sind an die Leitstelle Schwalm-Eder gegangen.

Es handelte sich also nicht um eine lediglich übel riechende Substanz?

Becker: Es ist ein Gift, das erhebliche Folgen für die Gesundheit haben kann.

Wie erklären Sie sich die Reaktion von CTL?

Becker: Das kann ich mir nicht erklären. Die Zahl der Verletzten macht ja schon deutlich, dass es sich nicht um eine harmlose Substanz gehandelt haben kann.

Wurde vielleicht doch überreagiert?

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Becker: Es ist definitiv nicht überreagiert worden. Ich möchte mich vielmehr bedanken bei den Rettungskräften sowie den Feuerwehrleuten, die dies überwiegend ehrenamtlich machen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Es ist ein Schlag ins Gesicht für jeden ehrenamtlichen Feuerwehrmann, eine solche Kritik zu hören.

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Haben Sie mit CTL schon einmal gesprochen?

Becker: Nein.

Wer entscheidet denn, wie bei einem solchen Unfall vorzugehen ist?

Bähr: Entscheidend ist, wie der Notruf aussieht. Hier wurde gemeldet, es ist ein Gefahrstoff ausgelaufen, etwa 30 Liter. Von der Einsatzleitstelle wurden die entsprechenden Informationen abgefragt. Bei der Leitstelle ist alles akribisch hinterlegt, was zu tun ist und wer zu alarmieren ist.

Es gibt also klare Regeln, wie ein solcher Einsatz abzulaufen hat?

Bähr: Ja. In einem solchen Fall wird beispielsweise auch der Umweltdienst alarmiert.

Was ist der Umweltdienst?

Bähr: Das ist eine Spezialeinheit im Landkreis mit 14 Leuten, alles Experten für Einsätze bei denen es um atomare, chemische oder biologische Substanzen geht.

Wie sind die ausgebildet?

Bähr: Das sind zum größten Teil Feuerwehrleute, die bei der Firma B. Braun arbeiten. Diese Spezialisten kommen von Melsungen zum Einsatzort. In deren Einsatzfahrzeug sind alle Unterlagen, die sofort gebraucht werden. Diese Spezialisten beraten den Einsatzleiter. Eine solche Einheit ist einzigartig in Hessen. Diese Einheit ist auch beim Giftunfall sofort mit alarmiert worden.

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Was haben diese Experten in Homberg beispielsweise getan?

Bähr: Sie haben unter anderem die Ausbreitungswolke je nach Windstärke und Windrichtung berechnet. Diese Informationen über die Gefährdung von Personen bekommt der Einsatzleiter.

Externe Experten waren also nicht erforderlich?

Becker: Nein. Es würde auch alles viel zu lange dauern, bis die am Einsatzort wären.

Bähr: Hier geht es ja um eine sofortige Gefahrenabwehr. Später können natürlich noch Spezialisten hinzugezogen werden, um beispielsweise zu entscheiden, ob die Halle wieder freigegeben werden kann. Wir haben alles an Experten und Technik, was nötig ist, um einen solchen Einsatz zu bewältigen, beispielsweise auch zwei Gefahrgut-Messfahrzeuge.

Das hört sich an als wäre der Einsatz völlig korrekt abgelaufen. Ist das so?

Bähr: Absolut. Und was den Ablauf eines solchen Einsatzes angeht, sind wir unter anderem an die Feuerwehr-Dienstvorschrift gebunden. Diese Vorschrift gilt übrigens auch für Berufsfeuerwehren.

Wie viele Speditionen gibt es denn, die ähnlich wie CTL solche Stoffe umschlagen?

Horn: Nach unserem bisherigen Kenntnisstand keine.

Sie bleiben also dabei. CTL hat keine Genehmigung zum Umschlag von Gefahrgut?

Horn: Das ist so.

CTL behauptet, alle Logistiker würden im Rahmen des Stückguttransports auch solche Gefahrgüter umschlagen. Ist das so?

Becker: Das kann man so nicht verallgemeinern. Längst nicht alle Speditionen fahren beispielsweise Stückgut. Wir werden alle Speditionen anschreiben, auf die rechtliche Lage hinweisen und unsere Beratung anbieten.

Ohne eine ausdrückliche Genehmigung des Bauamtes dürfte kein Gefahrgut umgeschlagen werden?

Horn: In der Betriebsbeschreibung zu einem Bauantrag muss auch das Thema Gefahrgut behandelt sein. Anhand dieser Angaben muss entschieden werden, welche baulichen und brandschutztechnischen Auflagen es gibt.

Müsste es einen abgetrennten Bereich für den Gefahrgut-Umschlag geben?

Horn: Das hängt vom Einzelfall ab und von der Art Gefahrgut, die dort umgeschlagen werden. Das kann man nicht pauschal entscheiden.

Das heißt, dass die Speditionen nachbessern müssen?

Becker: Das könnte im Einzelfall so sein.

Ist aus Sicht des Brandschutzes zu befürchten, dass es in einer Halle mit unterschiedlichen Stoffen zu einem hochgradig gefährlichen Mix kommt?

Horn: Ja, natürlich. Es geht aber auch beispielsweise um den Schutz des Grundwassers.

Und wer kontrolliert diesen Umschlag von Gefahrgut?

Becker: Das ist in der Tat schwierig, weil das Gefahrgut nachts ja innerhalb weniger Stunden nur umgeschlagen wird.

Wer ist für die Kontrollen zuständig?

Bähr: Ganz klar, die Ordnungsämter der Städte und Gemeinden.

Becker: Aber es ist natürlich schwierig, die erforderliche Fachkompetenz vorzuhalten. Die Zahl der Logistiker, aber auch der potenziell gefährlichen Substanzen hat in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Über die Kontrollmechanismen muss man neu nachdenken. Das werden wir auch mit dem Regierungspräsidenten noch einmal erörtern.

CTL wünscht, dass in einem solchen Falle die Berufsfeuerwehr Kassel oder die B. Braun-Werksfeuerwehr gerufen wird. Ist das eine Möglichkeit?

Becker: Nein. Es ist ganz klar geregelt, dass die Feuerwehr am Ort zuständig ist. Und außerdem ist die Feuerwehr voll in der Lage, solche Einsätze zu beherrschen.

Quelle: HNA

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