Strafanzeige wegen Freiheitsberaubung gegen Seniorenresidenz in Homberg

Homberg/Neuental. Schwere Geschütze fährt eine Neuentaler Familie gegen die Pflegeabteilung der Homberger Senioren-Residenz Papillon auf: Sie hat bei der Kasseler Staatsanwaltschaft Strafanzeige gestellt wegen Freiheitsberaubung und des Verdachts auf Urkundenfälschung.

Inzwischen ermittelt die Homberger Polizei.  Grund der Klage: Die 84-jährige Louise G., die am 1. August in die Pflegestation eingezogen war, sei ohne Grund und ohne Einverständnis der Familie während der Nachtstunden mit einem Bettgitter in ihrem Pflegebett eingesperrt worden. Außerdem habe man die Einträge in der Patientenakte nachträglich vorgenommen, um Versäumnisse zu kaschieren.

Mike G., Enkel der Seniorin, berichtete gegenüber der HNA davon, dass die Familie sich für die Einrichtung in Homberg entschieden habe, weil man einen guten Eindruck gewonnen hatte und der Weg von Neuental aus nicht so weit sei, Besuche der Mutter und Oma problemlos wären.

Doch schon nach einem Tag, am 2. August, habe sich die Großmutter beschwert: Man habe sie eingesperrt, sie habe Angst. In Gesprächen mit dem Pflegepersonal sei gesagt worden, dass man das Bettgitter hoch gemacht hätte, weil die 84-Jährige unruhig gewesen sein und man sich auch um andere Patienten kümmern müsse.

"Meine Mutter leidet zwar unter Demenz, ist jedoch nicht bettlägerig und desorientiert", schreibt Tochter Gudrun G., die auch gesetzliche Betreuerin ihrer Mutter ist. Es hat ihrer Meinung nach weder eine Notwendigkeit noch eine gerichtliche Anordnung für das Bettgitter bestanden.

Nach ihren Beschwerden und der Bitte um einen Termin mit der Leitung der Pflegestation und der Residenz kam es bereits am 3. August zu einem Gespräch, das "in einer aggressiven Stimmung" stattgefunden habe, so Mike G. Man habe zugegeben, dass das Gitter am Bett hochgestellt worden sei, um "weniger Arbeit" zu haben.

Die Tochter habe daraufhin untersagt, das Gitter wieder ohne ihre Einwilligung zu nutzen, da ihre Mutter in häuslicher Pflege noch nie aus dem Bett gefallen sei. "Wenn das doch passiert, dann ist es Ihr Problem", habe die Geschäftsführerin der Residenz daraufhin geantwortet.

Gleichzeitig wurde der Neuentaler Familie die Kündigung für den Heimplatz zum 31. August überreicht.

Die Patientenunterlagen habe die Homberger Seniorenresidenz zwar an die Betreuerin ausgehändigt, die spezielle Akte jedoch nach Einsicht wieder zurückgenommen.

"In der Akte war einiges nachgetragen worden, zum Beispiel Flüssigkeitszufuhr zu Uhrzeiten, an denen jemand bei der Mutter war", so Gudrun G. Die Familie hält deshalb spätere, nicht richtige Eintragungen für sehr wahrscheinlich und hat auch deswegen Anzeige gestellt.

"Was da passiert, ist eine große Sauerei", ist Mike G. überzeugt. Er berichtete außerdem davon, dass Medikamente zwei Tage lang nicht verabreicht worden seien und dass man die Wäsche von Louise G. nicht gewechselt habe.

Wegen der ihrer Meinung nach unmöglichen Zustände hat Familie G. die hessische Heimaufsicht beim Amt für Versorgung und Soziales in Kassel informiert, dort wolle man sich der Sache annehmen.

Bereits am 12. August holte die Familie die 84-Jährige in Homberg ab und brachte sie in eine Einrichtung in Niedenstein. Dort blieb sie nicht lange, musste einige Wochen ins Krankenhaus und wird jetzt wieder zu Hause betreut. Die alte Dame sei nach wie vor verängstigt und verwirrt, rufe immer mal um Hilfe. "Das war vorher nie so", sagt die Tochter.

Die Kasseler Staatsanwaltschaft bestätigte der HNA gegenüber den Eingang der Strafanzeige der Familie. Eine Prüfung des Sachverhalts habe inzwischen ergeben, dass es einen Anfangsverdacht für eine Straftat gebe. Deshalb ermittele in dem Fall jetzt die Polizei.

Das sagt die Heimaufsicht:

Die Heimaufsicht des Hessischen Amtes für Versorgung und Soziales in Kassel ist den Beschuldigungen gegen die Homberger Seniorenresidenz nachgegangen. Sachbearbeiter Jochen Schubotz sagte der HNA, dass grundsätzlich der Betreuer der zu pflegenden Person – in diesem Fall die Tochter – entscheiden müsse, ob zum Beispiel ein Bettgitter im Heim eingesetzt werden kann. „Das Rechtsgut Freiheit ist das höchste Gut, das wir haben“, sagte Schubotz. Deshalb seien die Ansprüche hoch. Allerdings gebe es auch die Gefahr im Verzug, das heißt, Pflegepersonal dürfe eine ganze Menge. Wenn man der Meinung sei, eine Person gefährde sich selbst, sei unsicher oder verwirrt, könne ein Bettgitter hochgestellt werden.

Er habe das Heim inzwischen besucht und sei sicher, dass man sich dort künftig klarer an die Vorgaben halten werde. Die strafrechtliche Seite sei Sache der Staatsanwaltschaft, für die Heimaufsicht sei der Fall abgeschlossen. Schubotz betonte, dass Beschwerden wie die der Familie G. richtig seien, wenn sie auch nicht immer als Strafsache enden müssten. Die Heimaufsicht könne nur dann reagieren, wenn sie über eventuelle Mängel informiert werde.

Von Ulrike Lange-Michael

Quelle: HNA

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