"Es geht nicht ohne uns"

Katholikinnen streiken: Frauen in Kassel fordern Zugang zu allen Kirchenämtern

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Beatrix Ahr ist unter anderem Mentorin für Lehramtsstudierende an der Uni Kassel

Katholischen Frauen in und um Kassel reicht’s: Sie treten in den Kirchenstreik, um gegen die Ausgrenzung von Frauen in der Kirche zu protestieren. 

In der Woche vom 11. bis 18. Mai werden viele gläubige Frauen deshalb ihren Kirchen fern bleiben. Mit Aktionen im öffentlichen Raum sowie Diskussionsveranstaltungen informieren sie über die Inhalte ihres Protests.

„Für Frauen, die in Deutschland aufgewachsen und ausgebildet sind, ist es selbstverständlich, dass es in Staat und Gesellschaft darum geht, Gleichberechtigung von Frauen und Männern herzustellen, dass Frauen selbstbestimmt über ihr Leben und ihre Lebensentwürfe bestimmen“, sagt Beatrix Ahr, Pastoralreferentin im Dekanat Kassel-Fulda und eine der Kasseler Protestierenden: „Warum soll das nicht auch in der katholischen Kirche möglich sein?“ Sie und ihre Mitstreiterinnen treten für einen Zugang von Frauen zu allen Ämtern der Kirche, die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine Ausrichtung der Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen ein. Beatrix Ahr bedauert, dass in den letzten Jahren viele Frauen der Kirche den Rücken gekehrt haben, „weil ihnen unverständlich ist, ausgegrenzt zu sein allein aufgrund des Geschlechts“. Dagegen müsse dringend etwas unternommen werden.

Initiatorinnen der Aktion, die unter dem Titel „Maria 2.0“ inzwischen in ganz Deutschland Furore macht, waren katholische Frauen aus Münster, die Kritik an der Amtskirche geäußert haben. Missbrauchsfälle und die Ausgrenzung von Frauen hatten ihnen zugesetzt, weshalb sie aktiv wurden. So wollten sie unter anderem nicht mehr wortlos die „vielen unbekannten Fälle von Missbrauch und Verletzungen jeglicher Art“ und „deren Vertuschung und Verdunkelung durch Amtsträger“ hinnehmen. Sie hatten ihre Forderungen im Februar vor Beginn des Anti-Missbrauchsgipfels der Bischöfe in Rom formuliert und damit den Stein ins Rollen gebracht. 

"Es geht nicht ohne uns"

Die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der katholischen Kirche beschäftigt und betrübt die Diplomtheologin und Teilnehmerin am Kirchenstreik „Maria 2.0“, Beatrix Ahr, seit Langem. Vor allem die Tatsache, dass dies in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein Grund für viele Frauen war, der Kirche den Rücken zu kehren. „Ihre Glaubensüberzeugung, Qualifikation, ihre Talente und Berufung spielen keine Rolle: Frauen dürfen männerbestimmt in der katholischen Kirche nicht, was Männern vorbehalten ist: Anteil haben am Weiheamt – aus dem einzigen Grund, dass sie Frauen sind. Damit sind sie faktisch auf allen Ebenen aus der Leitung der Kirche ausgeschlossen“, so Beatrix Ahr.

Prof. Dr. Ilse Müllner, Uni Kassel, lehrt am Institut für Katholische Theologie

Sie sieht in „Maria 2.0“ eine Chance, etwas zu tun: „mit Energie und Mut und ohne zu jammern oder zu klagen“. Mit dem „Kirchen(raum)streik“ komme für sie Aufbruchstimmung auf, um für eine Kirche zu kämpfen, „in der Frauen selbstbestimmt und gleichberechtigt“ ihren Platz haben. Beatrix Ahr glaubt daran, dass es möglich und eindrücklich wäre, „wenn sich viele Frauen von der Aktion begeistern ließen. Noch haben sich nicht alle jungen und enttäuschten Frauen derart aus der Kirche verabschiedet, dass sie ausgetreten wären.“ Vor allem auch diese Frauen sollen mit der Aktion erreicht werden. „Wir erheben unsere Stimme und setzen Zeichen für unseren gleichberechtigten und selbstbestimmten Platz in der Kirche. „Es geht nicht ohne uns.“

Unterstützung bekommen die „Maria-2.0-Frauen“ auch von Dr. Ilse Müllner, Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Kassel. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit Langem mit den Themen Geschlecht und Macht in der Kirche sowie sexualisierte Gewalt. Sie fordert klar den Zugang von Frauen zu Priesteramt und Diakonat. „Es gibt meines Erachtens kein überzeugendes theologisches Argument, das dagegen spricht“, so Ilse Müllner. Feste Strukturen müssten hinterfragt werden. Allerdings gelinge dies nicht von heute auf morgen. Immerhin habe man es mit einer Weltkirche zu tun. Ihr gefalle, dass der aktuelle Protest von den „Frauen aus der Praxis“ ausgeht.

Auch von männlicher Seite gibt es Zustimmung: „Ich freue mich sehr, dass Frauen in unserer Kirche sich deutlicher bemerkbar machen und wirkliche Gleichberechtigung einfordern“, schreibt Pfarrer Harald Fischer von St. Familie in einem Brief an die Dekanatskonferenz: „Nach meiner Überzeugung gehört dazu, dass endlich das Diakonat und auch das Priestertum der Frau ermöglicht werden muss.“

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