Bisher kaum Erfahrungen mit Erdkabeln – mehr Umweltbelastung, deutlich höhere Kosten

Stromschneise durchs Land

Kreisteil Melsungen. Über die Pläne für eine 380 000-Volt-Stromleitung von Wahle nach Mecklar wird auch im Kreisteil Melsungen rege debattiert, da die Trasse zwischen Guxhagen und Morschen durch dieses Gebiet verlaufen soll.

Quer durch den Kreisteil fordern Bürger und betroffene Gemeinden eine Erdverkabelung statt 60 Meter hoher Stahlmasten. Wir haben Antworten auf wichtige Fragen rund ums Erdkabel zusammengestellt.

? Wie muss man sich die Erdverkabelung einer 380-kV-Leitung vorstellen?

!Zur Stromübertragung reicht ein einziges Kabel nicht aus, vielmehr müssen – wie bei einer Freileitung – vier Stromkreise mit jeweils drei Kabeln im Boden verlegt werden, also insgesamt zwölf Kabel. Jedes Kabel misst mit Isolier-Ummantelung 25 Zentimeter im Durchmesser, zwischen den Kabeln wird ein Meter Abstand gehalten. Die Kabel werden in eine Betonschicht in etwa 1,50 Metern Tiefe gelegt. Das bedeutet, dass die Kabel parallel auf einer Gesamtbreite von etwa 15 Metern im Boden liegen. Die Baubreite der Trasse beträgt 30 Meter.

? Ist die Trasse später noch zu erkennen?

!Die Trasse bleibt indirekt sichtbar, denn sie darf nicht bebaut werden und muss von tiefer wurzelnden Gehölzen und Bäumen frei gehalten werden.

? Welche Auswirkungen hat das auf die Landwirtschaft?

!Ackerbau ist über den Erdkabeln grundsätzlich möglich. Dabei ist jedoch die Wärmeentwicklung zu bedenken; im Winter wird man den Trassenverlauf möglicherweise daran erkennen, dass hier kein Schnee liegen bleibt. Auch die Wasserversorgung der Pflanzen ist gestört, weil baubedingt die Kapillarwirkung des Bodens unterbrochen ist.

? Wieviel Wärme wird abgegeben?

!Jeder Stromfluss erzeugt Wärme, bei Freileitungen wird sie in die Luft abgegeben, beim Erdkabel in den Boden. Die dicke Polyethylen-Ummantelung soll dies beim Erdkabel reduzieren. Schätzungen gehen trotzdem von einer Erhöhung um ein bis zwei Grad im Boden im Kabelbereich aus, genaue Erfahrungen gibt es aber noch nicht.

? Wie groß ist die Strahlenbelastung im Boden?

!Der Grenzwert ist mit 100 Mikrotesla in der Bundesimmissionsschutzverordnung festgelegt. Dieser Grenzwert werde im Betrieb einer Freileitung auch direkt unter der Leitung eingehalten, sagen die Netzbetreiber; Kritiker halten den Grenzwert allerdings für zu hoch. Bei Erdkabeln entstehen die gleichen magnetischen Felder, sie durchdringen alle Materialien und werden durch die Erde nicht aufgehalten. Die Abstände sind bei einer Verlegungstiefe von 1,50 Meter jedoch viel geringer als bei einer Freileitung, wo der Mindestabstand wegen der Gefahr des elektrischen Überschlags acht Meter beträgt. Daher sind die magnetischen Felder über einem Erdkabel bedeutend höher als unter einer Freileitung.

? Wie groß ist die elektrische Abstrahlung bei einer Erdleitung?

!Auch für das elektrische Feld gibt es einen Grenzwert, er beträgt 5 Volt/Meter. Das elektrische Feld wird beim Erdkabel durch die dicke Isolierung abgeschirmt.

? Sind Spaziergänger gefährdet, wie groß ist die Gefahr für Menschen mit Herzschrittmacher?

!Das ist unklar. Es gibt keinen anerkannten wissenschaftlichen Nachweis über den Zusammenhang von Hochspannungsleitungen und Krankheiten. Die Diskussion darüber wird sehr kontrovers geführt. Die Grenzwerte sollen dazu dienen, gesundheitliche Gefahren auszuschließen. Kritiker bestreiten, dass die Grenzwerte ausreichend sind.

? Gibt es Erfahrungen mit längeren Erdleitungen?

!Es gibt weltweit nur wenige Wechselstrom-Erdkabel mit 380 000 Volt. In Berlin befinden sich kurze Strecken in der Erde. Dort wurde das Kabel in einem begehbaren Betonschacht verlegt. Um Erfahrungen mit der Erdverkabelung zu gewinnen, sollen bei der geplanten Trasse längere Abschnitte erprobt werden.

? Sind die Kosten höher als bei einer Freileitung?

!Ja, eine Freileitung kostet eine Million Euro pro Kilometer. Bei der Erdverkabelung geht man von den vier- bis siebenfachen Kosten aus. Gründe sind die aufwendige Verlegung und der hohe Preis für das komplexe Kabel, auch der hohe Kupferpreis schlägt zu Buche.

? Wie realistisch sind die Forderungen von Bürgern und Gemeinden nach einer durchgängigen Erdverkabelung?

!Laut Energieleitungsausbaugesetz (EnLaG) muss der Abstand von Freileitungen zu Siedlungen mindestens 400 Meter betragen, im Außenbereich 200 Meter. Bei Unterschreitung sind Erdkabel möglich. Eine durchgängige Erdverkabelung ist nicht vorgesehen. Allerdings kann man dem Ergebnis des Planungsverfahrens nicht vorgreifen. (hog)

Quelle: HNA

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