Kultur eines Dorfes

Summer of Pioneers: In Tengen bewohnen Teilnehmer ein großes Schloss

Geprägt von großen Kirchen: Die Pfarrkirche St. Michael in Blumenfeld (links) liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss, von wo aus das Foto aufgenommen wurde.
+
Geprägt von großen Kirchen: Die Pfarrkirche St. Michael in Blumenfeld (links) liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss, von wo aus das Foto aufgenommen wurde.

Drei deutsche Städte wagen fast zeitgleich den Versuch: Ist der ländliche Raum der Lebensraum der Zukunft? Jeweils bis zu 20 Digitalarbeiter aus der Großstadt testen es aus. Wir waren in Tengen zu Gast.

Homberg/Tengen – „Zutritt nur für Gespenster“ steht auf einem kleinen Schild in einem der ungezählten Treppenhäuser des Blumenfelder Schlosses. Würde Community Managerin Uta Krauss plötzlich wie ein Gespenst mitten durch die Wand verschwinden, Besucher fänden den Weg ins Freie sicher nicht mehr. Von jedem Zimmer zweigt ein weiteres ab, jeder Raum führt zu einer weiteren Treppe, einem weiteren Stockwerk, ja sogar einen Aufzug gibt es. Seit einigen Monaten kennen sich ein paar Menschen wieder ganz genau aus im Schloss, das der Stadt Tengen gehört. Die Stadt ist wie Homberg Gastgeberin des Summer of Pioneers.

Knapp 500 Kilometer und etwa fünf Stunden Autofahrt trennen das nordhessische Homberg und das baden-württembergische Tengen voneinander – und etwa 10 000 Einwohner. Doch wer Homberg für klein hält, der merkt schnell: Das ist nichts im Vergleich zur Stadt in Südbaden. Tengen ist durch und durch dörflich geprägt. Die Stadt an der Grenze zur Schweiz zählt mit ihren weniger als 5000 Einwohnern zu den kleinsten Städten in Deutschland. Wer durch die Straßen schlendert, wird von Fußgängern gegrüßt, an der Tankstelle bietet der Eigentümer unmittelbar nach dem Abstellen des Autos Hilfe an und beginnt einen kleinen Plausch.

In Homberg prägt die Stadtkirche St. Marien das Bild in der Altstadt.

„Es ist spannend, in die Dorfkultur einzutauchen“, sagt Cordula Bienstein. Die 34-jährige Berlinerin schlendert vom Schloss in Richtung ihres kleinen Gemüsegartens, in dem sie Rote Beete, Kürbisse und Grünkohl anbaut. Als ein Junge auf einem Traktor vorbeifährt, lacht sie: „Hier dürfen sogar schon die kleinen Schlepper fahren.“ Genau diese Begegnungen aber machten die Zeit in Tengen für sie aus. Vom normalen Weg abzuweichen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Darum gehe es.

„Es ist wirklich dörflich. Und trotzdem hört man überall die Bundesstraße“, sagt Uta Krauss, als sie im Garten des Blumenfelder Schlosses steht, in dem die Pioniere in kleinen Zimmern mit Gemeinschaftsküchen untergebracht sind. Viele Pioniere sind deshalb mit dem Auto gekommen, nur wenige nutzen das Rad. Während die Sprecherin der Gruppe das sagt, zwitschern Vögel, schiebt sich die Sonne nach einem langen Regenschauer hinter den Wolken hervor. Untermalt wird alles von einem seichten Verkehrsrauschen: Die Bundesstraße führt direkt durch Blumenfeld, einem Tengener Stadtteil. Auch die Stadt selbst wird von der B 314 geteilt, Autos rauschen ohne Unterlass auf ihrem Weg in die Schweiz vorbei.

Liebt ihr kleines Stück Garten: Cordula Bienstein gärtnerte schon in Berlin. In Tengen versorgt sie die Pioniere mit frischem Gemüse.

Die Nähe zur Schweiz spielt für Bürgermeister Marian Schreier eine große Rolle, wenn es darum geht, wieder Leben in die Stadt zu holen. Tengen hat anders als Homberg kaum Leerstand in der Altstadt, auch um Bevölkerungsschwund muss man sich dort keine Gedanken machen. „Unsere Bevölkerung ist leicht wachsend“, sagt der 31-Jährige. Bauland ist noch günstig. Der Preisdruck des Bodensees komme allerdings inzwischen auch im Hegau an.

Doch gibt es etwas, das die Stadt besser nutzen will: das sich idyllisch und sanft in die Natur einschmiegende Schloss. Im 11. Jahrhundert als Burganlage gebaut, wurde es zuletzt als Altenpflegeheim genutzt, seit fünf Jahren steht es leer. Die Stadt musste es schließen, sagt Schreier. Verluste von 500 000 Euro pro Jahr machten es der Stadt unmöglich, es weiterzubetreiben. „Wir haben alle klassischen Varianten versucht: Verkauf über einen Makler, Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs“, zählt der Rathauschef auf. „Es hat keine Ergebnisse gebracht.“ Schreier glaubt an eine multifunktionale Nutzung. Standesamt und Taufzimmer sind bereits im Schloss untergebracht.

Das ist die Entfernung von Homberg nach Tengen.

Die Pioniere sollen es richten. „Die Menschen freuen sich, dass das Schloss wiederbelebt ist“, sagt Krauss. Deshalb spielt sich auch – anders als in Homberg – alles an diesem speziellen Ort ab. Im alten Gebäudeteil wurden Coworking-Bereiche eingerichtet. Unverputzte Wände, alte, schwere Holzdielen versprühen einen Charme, für den Menschen in der Großstadt wohl jede Menge Geld ausgeben würden. In dem Büro mit dem tollsten Ausblick gibt es ein großes Manko: die Heizung fehlt. „Wir sind gespannt, wie das im Winter wird“, sagt Krauss und deutet auf einige Heizlüfter, die bald für Wärme sorgen sollen.

Immer wieder heißt es im Schloss: flüstern. Zu hellhörig sind die jahrhundertealten Wände, Gespräche könnten die Digitalarbeiter stören. Dabei ist es ein Glück, dass die Pioniere überhaupt arbeiten können. Zwei konkurrierende Funkmasten machten das nämlich zum Problem. Das Glasfasernetz ist nicht bis zum Schloss ausgebaut.

Und da sind die dicken Mauern, die trotz der Größe des Schlosses doch erdrückend wirken können. Besonders wenn es regnet. „Dann wird das Zusammenleben in dieser Enge schnell zum Problem“, sagt Hans-Peter Kuck. Rückzugsorte fehlen. Missen möchte aber auch er die Erfahrung nicht. (Chantal Müller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare