Gekommen, um zu bleiben

Summer of Pioneers: Jörg Jessen will dauerhaft in Homberg bleiben

Zwischen viel Grün und innovativen Ideen: Jörg Jessen am Treffpunkt der Projektteilnehmer auf dem Marktplatz. Der Experte für Cybersicherheit will in Homberg bleiben.
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Zwischen viel Grün und innovativen Ideen: Jörg Jessen am Treffpunkt der Projektteilnehmer auf dem Marktplatz. Der Experte für Cybersicherheit will in Homberg bleiben.

Seit Mai leben 20 Digitalarbeiter aus deutschen Großstädten in Homberg. Der Summer of Pioneers soll ihnen in sechs Monaten Lust aufs Land wecken. Bei einem hat es schon geklappt: Jörg Jessen will dauerhaft bleiben.

Homberg - Jörg Jessen hat schon überall gewohnt. Zumindest in nahezu jeder Großstadt dieser Welt, die man sich so vorstellen kann. Auch aufs Land hat es ihn verschlagen. Homberg aber hat es ihm „total angetan“. So sehr, dass sich der Experte für Cybersicherheit kurzerhand entschieden hat, langfristig in Homberg zu bleiben. Seinen Erstwohnsitz hat er in der Kreisstadt bereits angemeldet.

„Ich war völlig überrascht von der Landschaft“, erzählt Jessen, der die nordhessischen Hügel mit dem italienischen Apulien vergleicht. Der 58-Jährige gehört zu den Pionieren, die sich bereits 2020 für den Homberger Summer of Pioneers (Sommer der Pioniere) beworben und in diesem Jahr noch immer Interesse an dem Projekt hatten. Zwei Nächte im Burghotel waren der Bewerbung vorausgegangen. „Ich wollte mir Homberg vorher mal ansehen und fand es super.“ Also zog er im Mai von Berlin nach Homberg in ein Appartement am Marktplatz. Jetzt betreut der Sicherheitsexperte ein Forschungsprojekt, das in der Großstadt angesiedelt ist, vom Schwalm-Eder-Kreis aus.

„Ich bin von technischen Innovationen getrieben“, sagt Jessen. Und man kommt nicht umhin, dem Start-Up-Gründer das abzunehmen. Digitalisierung ist Jessens Thema. Sechs Jahre lang arbeitete er in Darmstadt bei einem Start Up, das rechtssicheres Ausweisen im Netz ermöglicht. 40 Mitarbeiter habe das Unternehmen inzwischen, Kunden in ganz Europa. Für seine Diplomarbeit zog es Jessen nach San Fransisco: „Aber lange, bevor es dort das Silicon Valley gab.“

Für Homberg will er sein Know-How nutzen, um die Verwaltung digitaler aufzustellen und einen digitalen Bürgerservice einzurichten. „Man muss dann nicht mehr persönlich ins Bürgeramt, sondern kann seine Angelegenheiten auch von zu Hause aus erledigen.“ Ein Plus besonders für all jene, die weniger mobil sind, findet Jessen.

Deshalb arbeitet er aktuell an einem Bürgerterminal, den es künftig nicht nur in Homberg geben soll, sondern auch in Frielendorf, Knüllwald und Schwarzenborn – also den Kommunen, mit denen die Kreisstadt interkommunal zusammenarbeitet. 80 Prozent aller Serviceleistungen könnten dann von zu Hause erledigt werden, sobald ein Servicekonto eröffnet wurde.

Was für Jessen beruflich das Digitale ist, ist im Privaten die Natur: „Wir sind ständig wandern“, erzählt er. Und auch das Fahren mit einem E-Bike habe er sich in Homberg endlich zugetraut. Damit ist er, so oft es geht, unterwegs. Entweder zu den „vielen Bänken an schönen Plätzen“ rund um Homberg oder zu seinem Lieblingsplatz – der Linde auf dem Burgberg. „Ich schnappe mir dann einfach ein Buch, nehme etwas zu trinken mit und setze mich dorthin“, sagt Jessen. Auch in die Kirche ist er in Homberg wieder eingetreten. „Die Geschichte, die hinter dieser Kirche in Homberg steckt, hat mich fasziniert.“

Seine Zukunft sieht der Neuhomberger in der Kreisstadt. „Die digitale Infrastruktur gibt es hier.“ Das sei die Voraussetzung dafür, dass Landleben eine Zukunft hat, ist der Pionier überzeugt. Wie es um Homberg stehe, werde auch in der Zusammenarbeit mit den zahlreichen Initiativen deutlich, die die Pioniere in den ersten Monaten kennengelernt haben. „Man hat hier eine Chance. Man kommt mit Menschen zusammen, die an diese Stadt glauben“, sagt Jessen.

Nur den Wohnort in der Stadt wird der Pionier wohl noch einmal wechseln. Die Stadtteile haben es ihm angetan – und ein Tiny House. Auf den Dörfern gibt es mehr grün, sagt Jessen und lacht. Denn mitten in der Stadt, zwischen mehreren Baustellen, ist es dem Großstädter, der das einst gar nicht anders kannte, inzwischen doch ein bisschen zu laut. (Chantal Müller)

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