Pogromnacht in Wolfhagen

10. November 1938: Synagoge und Haus an Mittelstraße brannten aus

Stolz der jüdischen Gemeinde: die Synagoge an der Mittelstraße. Sie wurde im November 1938 völlig zerstört. Foto:  Archiv

Wolfhagen. „Es war furchtbar“, sagt Friedchen Wiegand. Als 13-Jährige erlebte sie, wie am 10. November Häuser der Wolfhager Juden geplündert und die Synagoge sowie das Haus der Familie Winterberg an der Mittelstraße in Brand gesetzt und zerstört wurden.

Auch ihr späterer Ehemann Willi war unter den Zuschauern, wie so viele Wolfhager an diesem Tag. Aus dem Haus des Textilhändlers Klebe flogen Einrichtungsgegenstände, dann eine Schaufensterpuppe. „Ich dachte erst, die hätten einen Menschen aus dem Fenster geworfen“, erinnert sich die heute 88-Jährige. Aus der jüdischen Schule wurde sogar ein Klavier aus dem zweiten Stock auf die die Straße geworfen, sagt der 92-jährige Ehemann.

Wer an den Zerstörungen teilgenommen hat, versichern sie, wissen sie nicht. Man habe niemanden erkannt.

Ernst Klein vom Verein Rückblende - Gegen das Vergessen in Volkmarsen, der sich intensiv mit der Geschichte der Juden vor allem im ehemaligen Kreis Wolfhagen beschäftigt, sagt: „Man hat es sich jahrelang zu einfach gemacht“, habe immer allein SS-Männer aus Arolsen als Täter genannt. Das sei so nicht richtig: „Es waren nachweislich in allen Orten einheimische Nazis, Parteigänger und andere“, die sich an den Ausschreitungen beteiligten.

Das Leo Baeck-Institut in New York, eine Dokumentations- und Forschungsstätte für die Geschichte des deutschsprachigen Judentums, ist im Besitz einer Beschreibung des Pogroms in Wolfhagen, die von einer gebürtigen Wolfhagerin stammt, die 50 Jahre in der Stadt gelebt hat.

Benzin lieferte Wolfhager

Die Frau berichtet davon, dass gegen 10 Uhr „vier bis fünf Lastwagen mit SA-Leuten“ in sogenanntem Räuberzivil in Wolfhagen gesehen wurden. Sie beschreibt, wie eine halbe Stunde später diese Leute, denen sich inzwischen örtliche Parteigänger der NSDAP angeschlossen haben, durch die Stadt ziehen. Gegen 18 Uhr erreichte das Treiben des Mobs seinen Höhepunkt: Das Haus der Winterbergs und die Synagoge werden in Brand gesetzt. Das Benzin wurde von einem Wolfhager Bürger zur Verfügung gestellt.

Alle ergriffenen Juden werden im Gerichtsgebäude in „Schutzhaft“ genommen, die Männer in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Frauen und Kinder werden nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Die Männer kommen erst Wochen später zurück.

Ab 1940 werden die letzten noch in Wolfhagen verbliebenen Juden nach Kassel umgesiedelt und von dort in die Vernichtungslager deportiert. 51 Juden aus Wolfhagen sterben in den Lagern.

Von Norbert Müller

Quelle: HNA

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