Naturschutzbeirat sorgt sich um Hessens grüne Nordspitze

Theo Arend kritisiert Flächenverbrauch durch Großprojekte

+
Die Landschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: Windräder, wie hier bei Istha, sind an verschiedenen Stellen im Landkreis Kassel aus dem Boden geschossen. Der Naturschutzbeirat des Landkreises kritisiert, dass viele, unterschiedliche Planungen parallel laufen und deren Flächenverbrauch nicht in einen Zusammenhang gebracht wird.

Wolfhagen. Der Naturschutzbeirat des Landkreises Kassel kritisiert, dass die Natur durch Großprojekte wie Windparks verbraucht werde. Dazu Theo Arend, Beiratsvorsitzender, im Interview.

Herr Arend, mit welchem Gefühl verfolgen Sie die landschaftlichen Veränderungen im Landkreis Kassel. 

Theo Arend: Es bereitet mir Sorge, dass Hessens grüne Nordspitze ihr Gesicht und ihre Farbe verliert. Die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre gefährdet die naturnahe Landschaft.

Wo hat sich der Naturraum in letzten 25 Jahren besonders stark verändert? 

Arend: Da gibt es einige Beispiele - etwa am Hiddeser Feld bei Breuna, wo das Gewerbegebiet entstanden ist. Weiter zu nennen sind der Kassel Airport und die Gewerbeflächen, die dort entstehen, die Umgehungsstraße bei Hofgeismar, und auch Baunatal ist eine prosperierende Stadt, die extrem gewachsen ist. Aber auch Golfplätze, Schweinemastbetriebe, Reitställe und Biogasanlagen verbrauchen viel Fläche.

Und die Großprojekte wie Suedlink, Windräder im Reinhardswald, die A 44 und die Salzpipeline sind noch gar nicht berücksichtigt? 

Theo Arend

Arend: Das ist richtig. Ich sehe dabei folgendes Problem: Jede dieser Maßnahmen wird für sich separat betrachtet. Dabei wird aber die Gesamtentwicklung der Landschaft außer Acht gelassen und das, obwohl beim Regierungspräsidium als Bündelungsbehörde die Dinge zusammenlaufen. Niemand, der ein Windrad aufbauen will, sagt von sich aus, dass er es aus Naturschutzgründen dorthin stellt, wo Landschaftsraum schon durch eine Stromtrasse oder eine Biogasanlage verschandelt ist. Anders ist die Verspargelung der Landschaft nicht zu erklären.

Die Obere Naturschutzbehörde sagt, dass der Flächenverbrauch in Nordhessen vor allem entlang der Autobahnen gravierend sei, wo Gewerbegebiete und Lagerflächen entstehen. In Regionen mit einem ausgeprägten demografischen Wandel, etwa dem Wolfhager Land, sei der Verbrauch rückläufig. Ist die Situation vielleicht doch nicht so dramatisch? 

Arend: Ich kann nicht sehen, dass der Flächenverbrauch abnimmt. Mag sein, dass es weniger Baugebiete gibt. Die Planungen für Suedlink, die Salz-Pipeline und Windräder zeigen, dass der Flächenverbrauch nicht allein zusammenhängt mit dem demografischen Wandel. Aber davon ab; selbst in den Kommunen gibt es Probleme und zwar dann, wenn Baugebiete auf der grünen Wiese entstehen und gleichzeitig Ortskerne veröden.

Wie muss ein nachhaltiges Flächenmanagement Ihrer Meinung nach gestaltet sein? 

Arend: Unserer Naturgüter wie Wald, Wiesen, Ackerflächen, Gewässer und Sonderbiotope müssen geschützt werden. Flächen sollten möglichst nur bei gleichzeitigem Rückbau und der Renaturierung versiegelter Flächen verbraucht werden. Ziel ist eine ausgewogene Flächenbilanz. Die Belebung vorhandener urbaner Strukturen (Ortskerne) müssen Vorrang haben. Neue Gewerbegebiete sollte es erst dann geben, wenn die vorhandenen gesättigt sind.

Welche negativen Konsequenzen hat der Verbrauch von Flächen darüber hinaus? 

Arend: Vernetzungsmöglichkeiten für Organismen fehlen, die genetische Vielfalt geht verloren, Trittsteinbiotope, die das Überleben und den Austausch von Arten sicherstellen, verschwinden. Letztlich sterben Pflanzen und Tiere aus. Unterm Strich wird die Landschaft ärmer.

Wagen Sie eine Prognose: Wie sieht der Landkreis Kassel in 25 Jahren aus? 

Arend: Ich fürchte, der Landschaftsverbrauch wird zugenommen haben. Es wird mehr Gewerbegebiete und mehr Umgehungsstraßen geben.

Von Antje Thon

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare