Interview: Psychologin Yvonne Uhlemann über Vorsätze fürs neue Jahr

Tipps für gute Vorsätze: Nur konkrete und messbare Ziele formulieren

Wolfhager Land. Das neue Jahr hat begonnen – und es stellt sich die Frage: Will ich etwas an mir und meinem Leben ändern? Was gute Vorsätze für das neue Jahr bewirken können, erklärt Yvonne Uhlemann, Psychologische Psychotherapeutin und Leitende Psychologin in der Schön-Klinik Bad Arolsen.

Frau Uhlemann, wieso erscheint der Jahreswechsel so vielen Menschen als der ideale Zeitpunkt, gute Vorsätze zu fassen?

Yvonne Uhlemann: Das neue Jahr steht für einen Neustart. Der wird gerne genutzt, um auch neue Verhaltensweisen und Gewohnheiten in unserem Alltag zu etablieren oder alte Gewohnheiten zu verändern. Wir ziehen Bilanz über das vergangene Jahr und schaffen neue Vorsätze. Grund dafür ist meistens, dass wir mit bestimmten Bereichen in unserem Leben unzufrieden sind oder neue Herausforderungen benötigen, die uns anspornen.

Sind also Vorsätze fürs neue Jahr grundsätzlich etwas Gutes?

Uhlemann: Ein klares Ja oder Nein gibt es hier nicht. Wenn ich positive Veränderungen in meinem Alltag etablieren kann und damit meine Ziele erreiche, kann das dazu beitragen, mein Selbstwertgefühl zu festigen oder zu steigern. Dann kann ich stolz auf mich sein. Schaffe ich meine Vorsätze jedoch nicht, besteht umgekehrt die Gefahr, mein Selbstwertgefühl zu schädigen. Ich erlebe mich vielleicht als Versager. Die Entscheidung, ob jemandem das Fassen von Vorsätzen hilfreich erscheint oder nicht, muss also individuell getroffen werden. Dabei spielt es auch eine Rolle, wie eine Person Erfolge und Misserfolge bewertet, also wie stark er oder sie sein Selbstwertgefühl damit verknüpft.

Wenn ich mich nun dafür entscheide, Vorsätze zu fassen – wie sollten diese am besten aussehen?

Uhlemann: Je konkreter und realistischer ein Vorsatz oder ein Ziel formuliert ist, desto wahrscheinlicher können wir es erreichen. Wenn wir uns vornehmen, mehr Sport zu machen, können wir schlecht messen, ob wir unser Ziel erreicht haben. Wie viel Sport ist „mehr Sport“? Wenn ich nicht weiß, ob ich mein Ziel erreicht habe, bleibt der Erfolg aus. Nehme ich mir stattdessen vor, jeden Sonntag vor dem Frühstück eine halbe Stunde joggen zu gehen, habe ich ein konkretes Ziel. Wenn ich es erreiche, weil ich meinen Vorsatz einhalte, kann ich mich kurzfristig zum Beispiel mit einer anschließenden heißen Dusche mit meinem Lieblingsshampoo belohnen.

Und wie sieht es mit Vorsätzen aus, die aus Verboten bestehen? Zum Beispiel nicht mehr zu rauchen?

Uhlemann: Ziele, bei denen man etwas nicht mehr machen möchte, sind schwieriger. Weil wir uns selten vorstellen, was wir stattdessen machen. Wenn ich nicht mehr rauche oder keine Schokolade mehr esse – was mache ich dann in der Zeit und wie befriedige ich anders die Lust auf Süßes? Zudem drängen sich Dinge, die wir versuchen zu unterlassen, vermehrt in unser Bewusstsein. Ich sage nur rosa Elefant.

Rosa Elefant?

Uhlemann: Wenn ich Ihnen jetzt sage: „Denken Sie auf keinen Fall an einen rosa Elefanten!“, dann wette ich mit Ihnen, vor Ihrem geistigen Auge erscheint ein hübscher rosa Dickhäuter. Dinge, an die wir nicht denken oder die wir nicht mehr tun möchten, drängen sich stärker in unsere Gedanken.

Viele Vorsätze scheitern – woran liegt das?

Uhlemann: Nicht selten machen Veränderungen Angst. Der Mensch braucht Gewohnheiten, weil sie Sicherheit vermitteln. Bis eine neue Verhaltensweise zur Gewohnheit wird, empfinden wir sie als neu, unvertraut und damit nicht als sicher. Mit unseren alten und vermeintlich schlechten Verhaltensweisen gehen außerdem häufig auch sogenannte Sekundärgewinne einher. Der regelmäßige Genuss von Sahnetorte trägt vielleicht langfristig zur Gewichtszunahme bei, befriedigt aber kurzfristig den Heißhunger auf Süßes. Die Zigarette mit den Kollegen verschafft mir eine zusätzliche Pause und fördert das Gemeinschaftsgefühl. Lege ich eine dieser Verhaltensweisen ab, muss ich mir im Klaren sein, dass ich diese Sekundärgewinne verliere – und ich brauche Alternativen. Wenn ich zum Beispiel aus Frust esse und nicht über andere Fähigkeiten und Strategien verfüge, mit diesem Gefühl umzugehen, werde ich mein Frustessen nur schwerlich ändern können.

Haben Sie Tipps, wie wir unsere geplanten Vorsätze besser erreichen können?

Uhlemann: Die richtige Formulierung kann uns stark motivieren und dabei helfen, das im Blick zu behalten, was wir wirklich wollen. Es gibt hilfreiche Vorschläge, wie ein Ziel oder ein Vorsatz gut zu formulieren ist, damit wir am Ende ein positives Ergebnis erzielen. Das Ziel muss SMART sein, das heißt Spezifisch und damit konkret, Messbar und motivierend, Attraktiv und positiv formuliert, Realistisch und damit erreichbar – gegebenenfalls durch Zwischenziele – und Terminorientiert also verbindlich.

Bevor ich ein Ziel formuliere, sollte ich mich auch fragen, wie mein Leben sein wird, wenn ich etwas verändere. Vor allem sollte ich mir bewusst machen, was besser wird. Etwa dass sich mein Husten bessert, wenn ich aufhöre zu rauchen. Es ist wichtig zu klären, ob sich die Veränderung lohnt und was ich investieren muss. Dabei kann ich mir auch die negativen Aspekte der aktuellen Situation verdeutlichen: Was passiert, kurzfristig und langfristig, wenn alles so bleibt? Beim Rauchen könnte hier das erhöhte Lungenkrebs-Risiko ein Argument sein.

Zur Person

Yvonne Uhlemann ist 29 Jahre alt, verlobt und erwartet gerade Zwillinge. Sie lebt in Bad Arolsen. In ihrer Freizeit mag sie Handarbeiten, Malen, Unternehmungen mit Freunden, spazieren gehen und lesen.

Quelle: HNA

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