Promovierte Akademiker der Region gehen entspannt mit Schavans Doktor-Affäre um

Schavan-Affäre: Akademiker in der Region bleiben entspannt

Doktorhut als äußeres Zeichen akademischer Würden: Der Doktorgrad und der Weg dorthin ist derzeit durch Plagiatsvorwürfe an Politiker im Gespräch. Foto: dpa

Schwalm-Eder.  Bundesbildungsministerin Annette Schavan wurde ihr Doktortitel aberkannt. Wie beurteilen promovierte Akademiker im Landkreis die Diskussion? Welche Auswirkung haben die Betrugsvorwürfe auf das Ansehen des Titels? Wir haben einige Männer und eine Frau angesprochen.

Weil Anfang der 70er Jahre wohl ganz andere Kriterien für Promotionen gegolten hätten, hält Dr. Ralf Weskamp (51) die Diskussion um die Bildungsministerin Schavan für unsachlich. Heute und auch zur Zeit seiner eigenen Anglistik-Promotion im Jahr 1981 wurden anspruchsvollere Maßstäbe seitens der Universitäten gestellt. Deshalb sieht Weskamp seinen eigenen Doktorgrad und die dafür erbrachte Leistung von der öffentlichen Diskussion überhaupt nicht berührt. Mit seinem Thema hätten sich überdies vor ihm so wenige wissenschaftlich beschäftigt, dass er nirgends hätte abschreiben können, selbst wenn er es gewollt hätte, sagte der Schulleiter des Theodor-Heuss-Gymnasiums (Homberg) im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Ich weiß, was ich in meiner dreijährigen Promotionszeit geleistet habe“, sagt auch Dr. Michaela Stommel (44), „die meisten Doktortitel sind hart erarbeitet“. Andererseits ist der Neukirchener Buchhändlerin, die 1998 in Mikrobiologie promovierte, ihr Titel heute nicht mehr so wichtig, „ich definiere mich nicht darüber“. Ministerin Schavan und ihre Leidensgenossen tun ihr letztlich leid, „das ist ein Einbruch“. Michaela Stommel wird in diesen Tagen häufiger auf ihren Titel angesprochen, „ja, die Diskussion scheint der Wertigkeit des Doktortitels zu schaden“.

Auf unsere Anfrage nahm auch der 1994 in Kommunalrecht promovierte SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Edgar Franke (53, Edermünde) Stellung. Ministerin Schavan habe bei der Aberkennung von Guttenbergs Doktorarbeit sehr strenge Maßstäbe zugrunde gelegt, die nun auch bei ihr angewandt würden. „Bei zu Guttenberg war die Aberkennung richtig, weil die Arbeit nahezu komplett abgeschrieben war. Bei Schavan müssen jedoch andere Maßstäbe gelten: ihr vermeintlicher Betrug ist ja schon 33 Jahre her.“ Ein „copy and paste“ [kopieren und einfügen, Anmerkung der Redaktion] sei so wie heute gar nicht möglich gewesen. Daher müsse geklärt werden, ob ihr Flüchtigkeitsfehler unterlaufen waren, oder ob sie vorsätzlich gehandelt, also betrogen hat, wie die Kommission meint. Edgar Franke: „Wenn sie wirklich betrogen hat, muss sie, um das öffentliche Ansehen der Wissenschaft zu wahren, zurücktreten.“

„Ich weiß ja, was ich auf 660 Seiten geleistet habe“, sagte der Erziehungswissenschaftler Dr. Jochen Riege (54, Schwalmstadt), der in seinem Alltag als Lehrer auf die Nennung seines Titels verzichtet. Ihm erscheint der Fall Schavan weniger gravierend als der von Guttenbergs oder der von Silvana Koch-Mehrin, und völlig fehlerfrei werde wohl keine Arbeit sein, „aber man müsste mehr darüber wissen“. Riege erscheint dabei sicher, dass die Titelaffären aus der Politik den Wert des Doktorgrades in der öffentlichen Beurteilung durchaus beschädigt haben.

Auf unsere Anfrage geäußert hat sich auch Dr. Matthias Bohn, Zellbiologe und Leiter der Gesamtschule Melsungen: „Ich hatte in den vergangenen Jahren die Gelegenheit, Frau Schavan einige Male persönlich zu erleben und war immer beeindruckt von ihrer Kompetenz und Integrität.“ Da er die Details des Verfahrens nicht kenne, will er sich mit einem Urteil zurückhalten. Bohn: „In keiner Weise scheint mir dieser Fall vergleichbar zu sein mit Herrn Guttenberg, der ja im Grunde ein komplettes Plagiat produziert hat. Da wünschte ich mir eine differenziertere öffentliche Debatte“, sagte er.

Von Anne Quehl und Barbara Kamisli

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare