Gerichtsprozess

Tochter mehr als hundert Mal missbraucht: Vater muss für elf Jahre ins Gefängnis

Marburg. Er konnte es bis zuletzt nicht fassen: Wegen sexueller Nötigung in erwiesenen 66 Fällen wurde am Mittwochmorgen ein 55-jähriger Mann aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf von dem Landgericht Marburg zu elf Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt.

Ungläubig und Hilfe suchend schaute der Industriearbeiter immer wieder zu seiner Verteidigerin, als der Vorsitzende Richter Dr. Wolf das Urteil und den Haftbefehl verlas. Noch im Gerichtssaal wurde der Mann verhaftet. Zwei Polizeibeamte begleiteten ihn nach draußen und brachten ihn ins Gefängnis. Damit hatte der Mann bis zuletzt nicht gerechnet. Zur Verhandlung war er sogar mit eigenem Auto erschienen, das blieb nun vor dem Landgericht stehen.

Vorausgegangen waren an diesem zweitem Verhandlungstag die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklägerin und Verteidigung. Die Beweisaufnahme in dem Missbrauchsprozess erfolgte bereits vergangenen Mittwoch.

In ihrem Plädoyer ließ die Staatsanwältin die schrecklichen Taten des Angeklagten noch einmal Revue passieren: Von 1998 bis 2002 hat der Angeklagte seine Tochter mindestens 84 Mal sexuell missbraucht, bei der Beweisaufnahme war sogar von 106 Fällen die Rede.

Im Alter von elf Jahren hatte das Martyrium für die heute 28-Jährige begonnen. Erst mit 16 Jahren ließ ihr Vater von ihr ab. Alle zwei Wochen, wenn seine Frau zur Schichtarbeit aus dem Haus ging, holte der Mann seine Tochter aus dem Kinderzimmer, um sich immer wieder auf dieselbe Art und Weise an ihr zu vergehen.

Ein wesentlicher Punkt in allen Plädoyers war die Frage, ob und wenn ja wie oft der Geschlechtsakt durch den 55-Jährigen bei dem Missbrauch vollzogen wurde. Der Angeklagte gab an, sich nur an seiner Tochter gerieben zu haben. Diese zentrale Aussage bewertete die Staatsanwaltschaft als reine Schutzbehauptung und legte dem Gericht dar, dass es sich in allen Fällen um eindeutige Vergewaltigungen gehandelt habe.

Die Nebenklägerin schloss sich im Wesentlichen den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an, machte aber auch deutlich, dass die Folgen des Missbrauchs bei dem Opfer bis heute nachwirken. "Kindheit und Jugend waren von Angst überlagert. Bis heute hat meine Mandantin eine belastete Psyche", so die Anwältin der Tochter.

Artikel aktualisiert um 17.40 Uhr

Sichtlich schwer tat sich die Verteidigung in ihrem Plädoyer. Ihr Mandant hatte die Tat von Anfang an zugegeben. "Sexueller Missbrauch am eigenen Kind ist kein Kavaliersdelikt", stellte sie in aller Deutlichkeit klar und beschönigte nichts. Lediglich bei dem für das Strafmaß wichtigen Zeitraum, der Art und der Anzahl der Missbrauchsfälle kam sie zu einem anderen Ergebnis. "Erinnerungen können auch verblassen und dem Opfer einen Streich gespielt haben", erklärte die Anwältin.

Das letzte Wort hatte der Angeklagte: "Meine Familie bedeutet mir viel. Ich habe niemanden vergewaltigt", las der 55-Jährige von einem Zettel ab und stellte fest: "Ich kann mit meiner Wahrheit gut leben." Mitgefühl oder Reue war auch jetzt nicht erkennbar.

Mit dem Urteil folgte das Gericht im Wesentlichen dem Antrag von Staatsanwaltschaft und Nebenklage. "Bei Zusammenfassung aller Einzelstrafen kommt man auf über 200 Jahre", rechnete der Vorsitzende Richter dem Angeklagten vor und verdeutlichte so auch den zahlreichen Zuschauern noch einmal die Ausmaße des Verbrechens.

Von Matthias Haaß

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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