Tränen in der Homberger Versammlung

Protokollant bricht während Stadtverordnetensitzung zusammen

Homberg. Zwischenfall in der Homberger Stadtverordnetensitzung: Der Büroleiter der Stadtverwaltung, der seit Jahren für das Protokoll der Sitzung zuständig ist, brach während der Versammlung am Donnerstagabend laut schluchzend in Tränen aus.

Donnerstagabend, kurz nach 19 Uhr, in der Homberger Stadthalle: 31 Stadtverordnete sind da, etwa 50 Zuschauer. An einem Tisch - all diesen Menschen gegenüber - sitzen Stadtverordnetenvorsteher Heinz Marx und Protokollant Joachim Bottenhorn. Seitlich flankiert auf der einen Seite von den Magistratsmitgliedern und auf der anderen Seite von Rednerpult und der Pressetisch. Es wird miteinander gesprochen - mehr oder weniger leise. Eigentlich alles wie immer. Eigentlich: Plötzlich schlägt Bottenhorn die Hände vor sein Gesicht, schluchzt auf und bricht in Tränen aus.

Die Sitzung der Homberger Stadtverordneten wurde gerade erst eröffnet. Tagesordnungspunkt eins verlesen. Stefan Gerlach (SPD) kritisiert das Protokoll der Stadtverordnetensitzung vom 5. September. Darin entstehe der Eindruck, dass der Bürgermeister in der Sitzung direkt auf Fragen von Bernd Herbold (SPD) reagiert habe. Das war nicht so. Und es fehle eine von fünf Fragen. Herbold wollte wissen, wer den Kaufvertrag Althaus/Hucke abgeschlossen hat.

Es geht um ein Gelände in der ehemaligen Dörnberg-Kaserne, das unter anderem für Großveranstaltungen genutzt werden soll. Die Fläche wurden für 3,63 Euro je Quadratmeter (insgesamt 140 000 Euro) verkauft. Nach Ansicht vieler Stadtverordneter ein Spottpreis.

Im stillen Kämmerlein?

Herbold hatte damals gefragt, ob der Vertrag vielleicht im stillen Kämmerlein zwischen Wagner und dem Stadtverordneten Axel Althaus (CDU) geschlossen worden sei.

„Es kann nicht sein, dass Dinge aufgeführt werden, die nicht gesagt wurden“, sagt Gerlach. Das komme einem Täuschungsversuch gleich. Auch Klaus Bölling (Grüne) und Thomas Hoffmann (FWG) sprechen von Verfälschung.

Manfred Ripke (FDP) betont, dass Bottenhorn kein Wortprotokoll schreibe und so etwas passieren könne.

Der Bürgermeister tritt ans Rednerpult. Er spricht davon, dass er die anderen Antworten nachgereicht habe und diese eine Frage nacharbeiten werde. „Die Frage war nicht da!“, sagt Wagner und hebt die Schultern. Fast zeitgleich bricht Bottenhorn laut schluchzend zusammen. Schrecksekunde.

„Er soll sagen, wie es war - der Bürgermeister!“

Für einen Moment absolute Stille im Saal. Die Stadtverordneten starren zu Bottenhorn. Im Publikum springen zwei Frauen auf, so als wollten sie ihm zur Hilfe eilen. Doch sie verharren in ihren Positionen. Wagner blickt kurz zu Bottenhorn und spricht dann weiter - so als sitze sein langjähriger Büroleiter wie immer mitschreibend da. Das tut er nicht. Er hält weiter die Hände vor sein Gesicht, Tränen laufen über seine Wangen und Marx legt ihm den Arm schützend über die Schulter. Dann räuspert er sich, unterbricht Wagner und die Sitzung.

Artikel aktualisiert um 15.10 Uhr

Die Fraktionsvorsitzenden und Wagner ziehen sich zurück. Die ehemalige Bürgermeistersekretärin Lydia Köhler eilt herbei, um Bottenhorn beizustehen. Nach endlos wirkenden Minuten fängt sich der Protokollant wieder, steht auf und fordert mit fester, fast trotziger Stimme: „Er soll sagen, wie es war - der Bürgermeister! Ich gehe hier nicht weg, ich will, dass er die Wahrheit sagt.“ Marx nimmt Bottenhorn zur Seite. Beide gehen zu der Besprechung von Fraktionsvorsitzenden und Bürgermeister - hinter verschlossener Tür.

Einige tuscheln im Saal, andere diskutieren laut. Wortfetzen klingen durch den Raum. „Bottenhorn hat alles richtig gemacht, er musste es streichen“, sagt einer.

Nach zehn Minuten kehren alle zurück und nehmen ihre Plätze ein. Auch Bottenhorn. Er ringt noch nach Fassung. Dann wird die Sitzung fortgesetzt. Ohne Erklärung.

Das sagt der Protokollant Joachim Bottenhorn

"Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet“, sagt Joachim Bottenhorn am Tag nach der Sitzung im HNA-Gespräch. Er habe protokolliert, dass Wagner Herbolds Fragen nicht direkt, sondern schriftlich beantwortete. Doch diese Passage habe er auf Anweisung rausnehmen müssen. Zu der fehlenden Frage habe er keine Erklärung. Von der Kritik in der Sitzung habe er sich überrumpelt gefühlt. „Das Protokoll lag vor, und man hätte sich vor der Sitzung darüber beschweren können. Das tat keiner.“ Die Kritik habe er als übertrieben empfunden. Er habe zum Bürgermeister gesagt, dass er von ihm erwarte, dass dieser sich hinter ihn stelle. Das sei nicht gleich geschehen. Nach HNA-Informationen soll Wagner in einer Sitzungspause vor den Fraktionsvorsitzenden gesagt haben, dass der Protokollant das Protokoll nicht zu verantworten habe. Das Protokoll wolle er auch weiterhin schreiben, so der Hauptamtsleiter. „Freiwillig werde ich damit nicht aufhören.“ (may)

Von Maja Yüce

Quelle: HNA

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