Nach Jahren des Niedergangs belebt sich die denkmalgeschützte Meile

Treppenstraße in Kassel: Deutschlands erste Fußgängerzone vor 65 Jahren eröffnet

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Aus der großen Zeit: So präsentierte sich die Treppenstraße Ende der 1950er-Jahre.

Kassel. Vor 65 Jahren machte die die Treppenstraße als erste Fußgängerzone Deutschlands Furore. Nach Jahren des Niedergangs belebt sich die denkmalgeschützte Meile wieder.

Mit ihr habe sich Kassel „ein bleibendes Denkmal gesetzt“, sagte Oberbürgermeister Willi Seidel damals bei der Eröffnungsfeier. In diesem Punkt solle er recht behalten: Die autofreie Flaniermeile steht seit 1984 unter Denkmalschutz. Mit ihren gestaffelten Schaufensterzeilen, kleinen Plätzen und neuartigen Kinderwagen-Rampen galt sie sie seinerzeit als hochmodern und beispielgebend. Dass es in Kassel nach der Kriegszerstörungs-Katastrophe aufwärts ging, konnte man auf dem Weg vom Friedrichsplatz zum Hauptbahnhof ästhetisch und auch ganz körperlich erfahren.

Kassel Treppenstraße - eine Filmkulisse

Schnell wurde das Quartier zur bevorzugten Adresse der Geschäftswelt in Kassels Wirtschaftswunderzeit. Als Erstes zog das Modehaus Chic in imposante Räume an der Treppenstraße ein. Deren Flair faszinierte damals auch Filmproduktionsteams als zeittypische Kulisse. So wurden dort Szenen für Kinokassen-Erfolge wie „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) mit Martin Held, Walter Giller und Ingrid van Bergen, „Der letzte Fußgänger“ (1960) mit Heinz Erhardt und „Ohne dich wird es Nacht“ (1956) mit Curd Jürgens gedreht.

Treppenstraße Kassel: Zeitweise viel Leerstand 

Als sich das 20. Jahrhundert dem Ende zuneigte, war der einstige Glanz der Vorzeigemeile verblasst: Mit der Eröffnung des Fernbahnhofs in Wilhelmshöhe hatte die Treppenstraße viel von ihrer Achsen-Funktion verloren. Als Einzelhandelsstandort litt sie zusehends unter Leerständen, häufigen Inhaberwechseln und Sortiments-Einerlei. Auch der einst aufwendig angelegte Blumenschmuck verschwand.

Aus der Sicht großer Handelsfilialisten seien die charakteristischen Treppen ein Ansiedlungs-Hindernis, sagt Geschäftsführer Andreas Grüß vom Maklerunternehmen Lührmann, das auf Ladenlokale in Innenstadtlagen spezialisiert ist. Viele Geschäftsräume an der Treppenstraße seien nach heutigen Maßstäben „nicht marktgerecht“: Einzelhandelsmieter würden zunehmend zur Bedingung machen, „dass die Flächen ohne Treppen zu erreichen sind, idealerweise keine Säulen die Fläche verstellen und Deckenhöhen von 3,50 bis vier Meter vorhanden sind“.

Treppenstraße Kassel: Geschäfte wieder mehr Erfolg

Trotz solcher Hindernisse gibt es seit kurzem aber hoffnungsvolle Zeichen für eine Wiederbelebung: Eine junge Szene von Gewerbetreibenden, Kreativen und Nachtschwärmern ist dabei, die Meile für sich zu erobern. Die Ladenmieten sind vergleichsweise erschwinglich, auf den kleinen Plätzen sind an Sommerabenden die Außenplätze von Bars und Restaurants quirlig belebt. Der 50er-Jahre-Charme trifft unter dem Schlagwort „Mid Century“ inzwischen wieder den Nerv des Zeitgeists.

Beschlossen ist zudem, dass Olu Oguibes documenta-Obelisk an der Treppenstraße wiederaufgebaut werden soll. Damit bekommt die einstige Vorzeigemeile einen Anziehungspunkt für Kunstinteressierte.

Einstige Vorzeigemeile im Wandel: Nach Jahren des Niedergangs wird die Treppenstraße allmählich durch neue gewerbliche und gastronomische Nutzer belebt. Auf dem Platz mit der Blumenwiese vorn soll der documenta-Obelisk von Olu Oguibe einen neuen, dauerhaften Standort bekommen.  

Treppenstraße: Sportarena-Haus steht noch leer

Spannende Entwicklungschancen gibt es für den unteren Eingangsbereich der Treppenstraße, wo seit einiger Zeit das frühere „Sportarena“-Haus und einen Treppenabsatz höher das frühere Schuhgeschäft Reno leerstehen. Von beiden Filialisten hatte sich der Kaufhof-Konzern getrennt; wie inzwischen die Eigentumsverhältnisse an den Immobilien sind, ist nach mehreren Konzernfusionen unklar. Die Stadt Kassel weiß nach Angaben von Rathaussprecher Michael Schwab allerdings, dass die Liegenschaft verkauft werden soll. Mit verschiedenen potenziellen Investoren seien schon Gespräche über eine Entwicklung des Geländes geführt worden. Namen nannte Schwab mit Verweis auf Datenschutzgründe nicht. Der Stadtverwaltung sei „bewusst, dass der städtebaulich hochwertige Standort unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes aufgewertet und weiterentwickelt werden muss“, sagte der Rathaussprecher.

104 Stufen zwischen Bahnhof und Friedrichsplatz

Die Treppenstraße wurde 1953 zum Symbol für den Aufbruch im kriegszerstörten Kassel. Sie bildet mit der Kurfürstenstraße als Verlängerung eine Achse, die den Kulturbahnhof und den Friedrichsplatz verbindet. Dabei überbrückt sie 15 Meter Höhenunterschied auf knapp 300 Metern Länge. Der Straßenbau dauerte damals gut fünf Monate. Dabei schachteten Arbeiter 1850 Kubikmeter Erde und Kriegsschutt aus, gossen 255 Kubikmeter Betonfundamente, mauerten 60 Kubikmeter Brüstung. Anschließend setzten sie 104 Treppenstufen und verlegten 3150 Quadratmeter Gehwegplatten.

Treppenstraße Kassel - Läden

  • Schöner Spielen, Treppenstraße 15
  • Glücksgriff, Treppenstraße 9 und 10
  • Briefmarken Dr. Rohde & Kornatz GbR, Treppenstraße 13
  • Alte Liebe, Treppenstraße 12
  • Titus, Treppenstraße 8
  • Hess, Treppenstraße 6
  • Brotgarten, Treppenstraße 2
  • Snipes, Treppenstraße 2
  • Hochzeitshaus, Treppenstraße 1
  • Trauring-Garten, Treppenstraße 1

Fotos aus den vergangene 65 Jahren der Treppenstraße gibt es hier.

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