68er-Serie

Der Treysaer Gerold Stiebeling war Schlagzeuger der Hurricanes

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Elektriker und Altrocker: Gerold Stiebeling alias Barbarossa.

Treysa. 50 Jahre ist es her, dass in Deutschland Studenten auf die Straße gingen. Wir lassen Menschen von damals erzählen. Einer von ihnen: Gerold Stiebeling.

Wer Gerold Stiebeling kennt, weiß, er lebt zwei Leben. Parallel zu seinem Musikerleben lief immer seine Elektrikerbiografie. Auch in den 68ern fuhr der Treysaer zweigleisig. 

Mit den Marburger Hurricanes feierte der Treysaer als Schlagzeuger Erfolge. Zeitgleich leistete er in Marburg seinen Wehrdienst ab und gründete dort die Bataillonskapelle, die zu Offizierbällen aufspielte.

Wehrdienst und Schlagzeuger bei den Lokalmatadoren im Marburger Raum? Das ging nicht immer im Einklang. Während einer Tournee der Hurricanes musste Schlagzeuger Stiebeling ersetzt werden, weil er infolge des Prager Frühlings wie alle anderen Soldaten über mehrere Wochen die Kaserne nicht verlassen durfte.

Eine Art Mobilmachung aus Angst vor den Russen sei das gewesen, meint er. Einen roten Bart und lange Haare hatte der später in der Region als Rockmusiker „Barbarossa“ Bekannte bereits zu Bundeswehrzeiten. Er habe Appelle gemieden und aufgefallen sei es erst zum Abschluss seines Wehrdiensts. 

Mit den Hurricanes durch Europa

Heute erinnern noch ein grau-melierter Fünf-Tage-Bart und eine schulterlange Naturwelle, deren Ansatz kurz über den Ohren beginnt, und die zu einem Zopf zusammen gebunden ist, an diese Zeiten.

Mit den Hurricanes tourte er durch viele Clubs in ganz Europa. Stiebeling nennt den Club E in Marburg, in Gießen das Big Apple und in Frankfurt das K54 sowie die Burg in Treysa. In Stadtallendorf brachte die Band die Glastanzdiele zum Kochen. 

In London unterwegs: Gerold Stiebeling (zweiter von rechts) war mit den Hurricanes auf Tour.

Einmal – nach einem Urlaub – waren die Musiker erstaunt, dass eine andere Band ebensoviele Menschen in die Glastanzdiele zog. Das waren die Petards. „Eine Freundschaft begann“, sagt Stiebeling. 

USB-Sticks voller Musikerleben

Dass die Musik auch jetzt noch der bestimmende Faktor in seinem Leben ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. Plakate an den Wänden in seinem etwas überfrachteten Büro zeugen von einstigen Erfolgen, CDs liegen herum, neue Schlagstöcke warten aufs Auspacken. Immer wieder zückt er einen anderen USB-Stick, auf dem sein Musikerleben dokumentiert ist.

Andächtig schauen wir uns auf seinem PC die erste Beatclub-Sendung an (ein Mitte der 60er-Jahre völlig neues Format, das einen Skandal verursachte): Das „Halbstark“ der Yankees tönt aus den Lautsprecherboxen. Automatisch fangen die Füße an zu zucken. 

Auf dem Monitor tanzen ordentlich angezogene junge Leute wild zu den Klängen der Bremer Beatband. Aus der heutigen Sicht löst insbesondere die Sequenz erhebliches Staunen aus, in der der Moderator sich bei den älteren Fernsehzuschauern für die laute Musik entschuldigt.

Musik war Motor des Protests

Den Geist der 68er kann man nicht an einem einzigen Jahr festmachen, ist der inzwischen 70-jährige überzeugt. Die Musik sei der Motor für die Protestbewegung gewesen, sagt der Treysaer. Wobei die wenigsten Musiker politisch gewesen seien. Und die musikalische Revolution habe bereits 1958 begonnen, als Bill Haley und Elvis Presley die Jugend aufmischten und habe bis in die Achtziger angehalten. 

Marketing und Technik haben in dieser Zeit noch nicht die Rolle gespielt wie heute. Damals mussten die Bands, die auf der Bühne standen, etwas vorweisen. In dieser Zeit seien 95 Prozent der Musiker gut gewesen und fünf Prozent schlecht, heute sei es umgekehrt, meint der Alt-Rocker. „Musik muss leben, man muss sie spüren, sie muss vom Herzen kommen.“

Zur Person: Gerold Stiebeling wurde 1947 in Treysa geboren, dort lebt er noch heute alleine in seinem Elternhaus in der Altstadt. Er machte eine Ausbildung zum Elektriker und übernahm 1974 das Geschäft seiner Eltern, das er bis heute betreibt. Parallel zum Elektrikerberuf machte er immer Musik in verschiedenen Bands. Vom ersten Lehrlingslohn kaufte er sich ein kleines Schlagzeug. Seit den Achtzigern kennt man ihn als Künstler Barbarossa. In seinem Haus betreibt er auch ein Tonstudio.

Quelle: HNA

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