Filmemacherin Karin Kaper stellte Dokumentarfilm über Flucht und Vertreibung vor

Über Tellerrand schauen

Lässt in ihrem Film die Frauen sprechen: Regisseurin Karin Kaper zeigte am Mittwochabend ihren Film in der Gedenkstätte in Trutzhain. Foto: Rose

Trutzhain. Geschichten werden erst dann Geschichte, wenn sie erzählt werden: Die Berliner Filmemacherin Karin Kaper tut dies in ihrem Film „Aber das Leben geht weiter“ auf sehr persönlich Art und Weise. Sie öffnet den Blick für ein Stück Geschichte, für ein Stück der eigenen Familiengeschichte. Der Dokumentarfilm über den Verlust der Heimat, über Flucht und Vertreibung, aber auch über besondere Bande zwischen Menschen wurde am Mittwoch in der Gedenkstätte in Trutzhain gezeigt.

Es war eine bewusste Entscheidung, einen Film aus Sicht der Frauen zu drehen: Drei deutsche und drei polnische Frauen aus mehreren Generationen setzten sich mit dem Sommer 1945 auseinander – dem Schicksal der Deutschen, die später in Bremen eine zweite Heimat fanden, stellte Kaper das der polnischen Familie gegenüber, die ihrerseits 1940 von der sowjetischen Armee aus Ostgebieten Polens nach Sibirien verschleppt wurde. Die Protagonistinnen sind Ilse Kaper – Karin Kapers Mutter und ihre Tante Hertha Christ, Edwarda Zukowska und deren Enkelin Gabriela Matniszewska. „Frauen öffnen sich anders“ ist die Berlinerin überzeugt. Als die Tochter der Mutter das Filmprojekt vorschlug, war diese zunächst nicht überzeugt. Den Hof hatte Ilses Familie im Sommer 1946 verlassen müssen. Über Flucht und Vertreibung wurde in den Nachkriegsjahren nicht gesprochen. Später schon: „Meine Mutter erzählte immer mal wieder einige Anekdoten“, sagt Kaper. 1975 begleitete Karin Kaper ihre Mutter nach Polen, wo sie den früheren Hof besuchten.

Durch Zufall lernte die Filmemacherin und Regisseurin 1990 in Breslau eine Enkelin von Edwarda Zukowska kennen. Gemeinsam schaffte es die Generation der Nachgeborenen – Edwarda, Ilse und ihre Schwester Hertha – noch einmal auf dem Hof in Platerówka zusammenzubringen. Und diesmal wurde erzählt.

„Sie erinnerten sich gemeinsam an viele Momente des bäuerlichen Lebens“, erklärt die Filmemacherin. Besonders bei Edwarda habe man gemerkt, dass sie erzählen wollte. „Es war wie ein Befreiungsschlag.“ Entstanden ist ein ruhiger Film – ohne Kommentare. „Jeder soll für sich das mitnehmen, was er hört“, sagt Kaper. Nur eine Woche blieb in Polen Zeit, um zu drehen.

Konzentrierte Erinnerung

Gabriela hatte sich eigens Urlaub genommen. „Die Frauen waren wunderbar. Sie haben sehr konzentriert versucht, sich zu erinnern.“ Im Prozess selbst war Kaper zu beschäftigt, erst später, beim Schnitt, realisierte sie: „Ich wühle jetzt gerade ganz tief in meiner eigenen Familiengeschichte.“ Den Film gibt es sowohl auf deutsch als auch in einer polnischen Version. Viele hundert Mal hat Karin Kaper den Film begleitet, zum Teil mit ihrer Mutter und Tante. „Der Film war eine bewusste Entscheidung zu deutsch-polnischen Völkerverständigung“, sagt sie. Dass sich Menschen über ihren Film verständigen, das erlebt Kaper immer wieder. „Es passiert etwas mit den Zuschauern, sie beginnen, zu reflektieren. Es ging mir nicht um politischen Stoff, sondern um den persönlichen. Aber auch darum, dass Menschen über ihren eigenen Tellerrand hinweg schauen.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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