Familie fassunglos

Nach großen Herausforderungen: Mann aus Afghanistan wieder in Nordhessen

Was er erlebt hat, kann sich fast niemand vorstellen: Iraj Arefi hat in Kabul um sein Leben gebangt. Seit Mittwochabend ist der Afghane wieder zurück in Ungedanken – bei seiner Frau und seinem Kind.
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Was er erlebt hat, kann sich fast niemand vorstellen: Iraj Arefi hat in Kabul um sein Leben gebangt. Seit Mittwochabend ist der Afghane wieder zurück in Ungedanken – bei seiner Frau und seinem Kind.

Wochenlang saß er in Afghanistan fest, jetzt ist Iraj Arefi wieder zurück bei seiner Familie in Fritzlar-Ungedanken.

Fritzlar – Es ist unglaublich, aber wahr: Iraj Arefi aus Ungedanken hat es geschafft. Dem 23-jährigen Afghanen ist die Ausreise aus dem von den Taliban besetzten Kabul gelungen. Er war vor einigen Wochen nach Afghanistan gereist, um seiner Schwester in einer persönlichen Krise zu helfen und hatte seither mehrfach vergeblich versucht, nach Hause zu fliegen. Am Mittwoch (25.08.2021) ist er mithilfe der Bundeswehr in Frankfurt gelandet.

Ein deutscher Soldat hatte ihn bereits Anfang der Woche am Flughafen in Kabul passieren lassen, so konnte er auf der Flugliste nach Deutschland gesetzt werden. Nicole Werthmann, Lebensgefährtin und Mutter des gemeinsamen zweijährigen Sohnes Ben ist überwältigt: „Als ich gehört habe, dass er in Frankfurt gelandet ist, war ich völlig fertig.“ Die kleine Familie hat Wochen der emotionalen Achterbahnfahrt hinter sich.

Afghanistan: Mann aus Fritzlar erhielt Unterstützung aus der Politik

Auch Arefi selbst wird die Zeit in Kabul nicht mehr vergessen. „Das Afghanistan, das ich kenne, gibt es nicht mehr.“ Alles sei kaputtgegangen. Das könne er kaum in Worte fassen. Er und seine Familie wollen sich nun bei all denen bedanken, die ihn bei der lebensgefährlichen Reise unterstützt haben.

Unmenschliche Zustände am Kabuler Flughafen hat Iraj Arefi erlebt.

Großen Einsatz für die Familie hat auch der Bundestagsabgeordnete der CDU, Bernd Siebert, gezeigt. Büroleiter Dominik Leyh bestätigt: „Herr Siebert hat sich die Finger wund telefoniert.“ Mit Erfolg. Denn nach mehreren Kontaktaufnahmen sowohl zum Verteidigungsministerium und zum Bundeskanzleramt sei es gelungen, den Fritzlarer Afghanen auf eine Liste zu setzen. „Die große Herausforderung war allerdings, den sicheren Weg zum Flughafen zu finden und sich dort bemerkbar zu machen“, betont Leyh.

Siebert selbst richtet seinen Dank vor allem an die Bundesregierung. Die Zusammenarbeit unter anderem mit dem Auswärtigen Amt habe gut funktioniert, sodass man Arefi am Ende sicher habe nach Hause holen können. Dankbar zeigt sich auch der Fritzlarer Bürgermeister Hartmut Spogat: „Es herrscht eine riesige Freude bei allen Beteiligten.“ Die Situation sei dramatisch und berührend gewesen.

Mann aus Fritzlar erzählt von seinen Eindrücken aus Afghanistan: „Überall wird geschossen!“

Iraj Arefi sitzt im Garten seines Einfamilienhauses in Ungedanken. Die Sonne scheint. Er will heute noch den Rasen mähen. Dass der junge Afghane vor wenigen Stunden über Nacht im dreckigen Wasser inmitten von Tausenden am Kabuler Flughafen gestanden und einem deutschen Soldaten aus voller Kehle „Bitte hilf mir“ entgegengeschrien hat, ist unvorstellbar.

Auch für Arefis Lebensgefährtin Nicole Werthmann. Seit Mittwochabend hat sie ihr Leben zurück, das sie fast schon verloren geglaubt hatte. Der Vater ihres zweijährigen Sohnes Ben ist wieder Zuhause. „Er hat das vierblättrige Kleeblatt gefunden.“ Sie nennt diese Metapher, um zu verdeutlichen, wie gering die Chance für den 23-Jährigen war, aus dem von den Taliban besetzen Afghanistan herauszukommen. Auch ein Mann aus Kassel saß in Afghanistan fest. Mittlerweile konnte der 32-Jährige aus Afghanistan entkommen und ist wieder in Kassel.

Die ganze Familie ist noch völlig überwältigt. „Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe gedacht: Ist das wirklich wahr?“, sagt Werthmann. Immer wieder schießen ihr Tränen in die Augen. Auch Sohn Ben sei völlig aufgedreht gewesen, als er seinen Vater nach knapp drei Wochen endlich wiedergesehen hat. „Holt Papa mich morgen vom Kindergarten ab?“ Ben ist zu klein, um das Ausmaß der Dramatik zu verstehen. Trotzdem scheint er zu spüren, dass die Antwort „Ja, er holt dich ab“ nicht selbstverständlich war.

Mann aus Fritzlar kehrt aus Afghanistan zurück: „Ich muss einfach wieder in mein Leben finden“

Iraj Arefi selbst weiß nicht, was er fühlen soll. Eigentlich hatte er mit seiner Reise nach Kabul seine Schwester unterstützen wollen, deren Mann an Corona gestorben ist. Sein Rückflug nach Deutschland war am 25. August geplant. Nun ist er tatsächlich am selben Tag in Deutschland gelandet – allerdings mit einer völlig anderen Geschichte im Gepäck, als er es je für möglich gehalten hätte.

„Ich habe kein Land mehr“, sagt Arefi. Das Afghanistan, das er kennt und liebt, gibt es nicht mehr. Der Schmerz darüber ist dem jungen Vater anzusehen. „Ich habe meiner Schwester nicht einmal Tschüss gesagt.“ Schließlich habe er den gefährlichen Weg zum Flughafen in den vergangenen Tagen mehrfach auf sich genommen. „Überall wird geschossen“, sagt er. „Auch diesmal wussten wir ja nicht: Komme ich wieder? Fliege ich weg? Lebe ich überhaupt noch?“ Einen wichtigen Teil seiner Familie habe er nun zurücklassen müssen. Die emotionale Zerrissenheit überfordere ihn. Ist er glücklich? Traurig? Verzweifelt? Dankbar? Irgendwie alles zusammen.

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„Wenn jemand weiß, wie wir seine Familie auch nach Deutschland holen können, soll er sich bitte bei uns melden“, sagt Werthmann. Die großartige Hilfe, die sie in den vergangenen Wochen von allen Seiten erfahren habe, rühre sie immer noch zutiefst. „Die Menschen haben mich durch diese Zeit getragen.“ Dankbar ist Iraj Arefi vor allem auch seinem Arbeitgeber Hubert Ahrend aus Fritzlar (Estrichbau). Schon am Montag (30.08.2021) will er wieder mit anpacken. „Ich muss einfach wieder in mein Leben finden.“ Der Alltag wird wiederkommen, doch Arefi wird nicht mehr Derselbe sein. (Daria Neu)

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