Erinnerungen aus der Kiste

Alte Fotoplatten entwickelt: Bilder der jüdischen Familie Kron aus Wolfhagen

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Bei der Frau handelt es sich sehr wahrscheinlich um Salomon Krons Ehefrau Emma und die Kinder Charlotte und Theodor.

Viele Jahre lagerten die alten Fotoplatten in einer Kiste. Nun hat Sabine Kovats sie entwickeln lassen und eine erstaunliche Entdeckung gemacht.

Die Aufnahmen stammen aus einer anderen Zeit. Sie zeigen Menschen in hoch geschlossenen Kleidern und adretten Anzügen. Zwei Jungen, die stolz ihre Fahrräder in den Händen halten. Familiäre Eintracht. Sehr wahrscheinlich sind auf den Bildern Mitglieder der jüdischen Familie Kron aus Wolfhagen zu sehen.

Die Krons lebten lange Zeit in einem Haus an der Mittelstraße 26. 1938 hatte Salomon Kron, der aus einer wohlhabenden Wolfhager Familie stammte, unter dem Druck der Nationalsozialisten sein Fachwerkhaus zwangsverkaufen müssen. In den folgenden Jahrzehnten hatte das Haus verschiedene Eigentümer.

Fotoplatten gerieten in Vergessenheit

Es war die Familie von Sabine Kovats Vater, Wilfried Wertz, die 1988 das Haus an der Mittelstraße kaufte und sanierte. Bei den Arbeiten fanden sie unter den Dielen etwa 20 Fotoglasplatten. Diese etwa 90 bis 120 Jahre alten Negative wanderten in eine Kiste und gerieten in Vergessenheit, sagt Kovats, die mit ihrer Familie am Bodensee lebt. Vor wenigen Wochen fiel der Architektin beim Aufräumen der Karton wieder in die Hände, „in einem Speziallabor ließ ich die Platten entwickeln“.

Die Aufnahme zeigt Salomon Kron: Er stammte aus einer alteingesessenen Wolfhager Familie.

Kovats, die regelmäßig in Wolfhagen ist, um Familienangehörige zu besuchen, startete im sozialen Netzwerk Facebook einen Aufruf. „Ich wollte wissen, ob jemand die Personen auf den Bildern kennt“, sagt die 38-Jährige, deren Bestreben es ist, die Fotoglasplatten an die Hinterbliebenen zurückzugeben.

Allerhand Hinweise

Und genau das könnte in den kommenden Wochen tatsächlich passieren. Denn Kovats bekam allerhand Hinweise. Die entscheidenden führten zum Ehepaar Emma und Salomon Kron, das vor dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Kindern Theodor und Charlotte in dem Haus lebte und einen Manufakturwarenladen betrieb.

Wie für so viele Juden brachte die Machtergreifung durch die Nazis auch für Salomon Kron den Tod. Er überlebte das Arbeitserziehungslager Breitenau nicht. Er starb im Juni 1941. Seine Frau Emma war zuvor mit 49 Jahren gestorben, die Tochter Charlotte mit elf. Doch Theodor Kron gelang 1938 die Emigration in die USA. „Seine Nachkommen leben in New York“, sagt der Volkmarser Ernst Klein, der sich als Vorsitzender des Vereins „Rückblende - Gegen das Vergessen“ intensiv mit der Geschichte der Juden in der Region befasst. Dadurch kennt er auch die Familie Kron.

Unter Dielen im Haus an der Mittelstraße 26 entdeckt: alte Fotoplatten.

Für Ernst Klein sind die Fotoplatten etwas ganz Besonderes. „Es ist ein gutes Beispiel, wie man mit so einem Fund umgehen sollte.“ Oftmals würden solche Entdeckungen weggeworfen. Dabei hätten sie einen großen Wert und spielten bei der Rekonstruktion der Geschichte eine große Rolle.

Originale sollen Hinterbliebenen zurückgegeben werden

Für Ernst Klein ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei den Aufnahmen um Mitglieder und Freunde der Familie Kron handelt. Er hat die Fotos bereits mit anderen Bildern verglichen, auf denen die Familie abgebildet ist und die er im Museum des Vereins in Volkmarsen aufbewahrt.

Ernst Klein vom Verein Rückblende. 

Die Absicht von Sabine Kovats, die Originale den Hinterbliebenen der Eigentümerfamilie zurückzugeben, findet Kleins volle Unterstützung. Der Geschichtsforscher steht mit den Nachkommen der Krons in Kontakt und hat sie per E-Mail über den überraschenden Fund informiert. Der nächste Verwandte ist Theodor Krons Schwiegersohn Steve Stulman. Dieser war verheiratet mit Elga Lieselotte Kron (Theodor Krons Tochter). Sie starb 2003.

Quelle: HNA

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