Ungedanken - Aus HNA-Geschichtsbuch

Ein Pferd an der Bar: Aufruhr in der Dorfkneipe zu Silvester 1956

Ungedanken. Bis Mitternacht war in der Silvesternacht 1956 im Fritzlarer Ortsteil Ungedanken alles wie immer. Doch dann kam alles anders:

Das neue Jahr begann mit einem Ritual: Ortsdiener Jäckel bestieg nach Mitternacht in der Gastwirtschaft Seibel breitbeinig einen Tisch. Dann nahm er die Mütze ab.

Anschließend schwenke er seine Glocke, die er nur in ganz besonderen Fällen zum Einsatz brachte. Würdevoll erhob er nun lautstark seine Stimme: „Kraft meines Amtes verlängere ich die Polizeistunde.“ Stück für Stück blieb nur noch der harte Kern der Dorfgemeinschaft zurück. Doch bald gesellte sich zu diesem ein neuer Gast.

Er war wohl bekannt, doch niemand hatte mit ihm nun und besonders an diesem Ort gerechnet. Kander, das Pferd des Nachbarn der Gaststätte, betrat nun wohl präpariert den Schankraum. „Da steht ein Pferd“ – dieser Ausspruch machte nun die Runde unter den Anwesenden. Zunächst hatte das Pferd von Landwirt Bubenhagen den Kopf durch die Tür der Kneipe gesteckt, dann schob es seinen mächtigen Körper immer weiter in Richtung Theke. Rasch sahen alle Kneipengäste, dass Kanders Hufe liebevoll mit Lumpen umhüllt waren, um Schäden am Fußboden der Gaststätte zu vermeiden.

An der Theke angekommen, genoss Kander dann zur Abwechslung von Hafer und Wasser Mal einen großen Eimer Bier. „Aber für die, die der Hafer gestochen hatte, kam das dicke Ende“ in Form eines Strafbefehls. Das Amtsgericht Fritzlar sah in diesem Scherz einen groben Unfug, so der Strafbefehl vom 31. Januar 1957, zumal sich das Tier beim nächtlichen Einsatz in der Dorfkneipe auch noch verletzte. Wie und in welcher Form, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Hinzu kam, dass diese Handlung in den Augen des Gerichts „zumindestens bei einem Teil der Bevölkerung Empörung“ ausgelöst hatte.

Der damals 35-jährige Baufacharbeiter aus Ungedanken, der in dieser Nacht das Tier vom heimischen Stall in die Gaststätte gebracht hatte, wurde Ende Januar 1956 zu einer Geldstrafe von 25 Mark plus einer Gebühr für den Strafbefehl von 2,50 Mark verurteilt. Was damals noch bestraft wurde, nennt man wohl heute eher Performance. Was damals strafbar war, gehört heute zumindest in Teilen zur Kunst und das ist gut so!

Von Thomas Schattner

Quelle: HNA

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