Urkunden als Drehbuch: „Szenen aus dem Klosterleben“ auf der Freilichtbühne

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Entführen in das Klosterleben von vor 800 Jahren (von links): Konrad Ochse, Hildegard Brabsche, Madlien Pflug, Gisela Finke, André Gröning, Jan Dzierzenga, Jutta Hauck, Elke Trümper, Liesel Heisig und Holger Deutsch.

Merxhausen. Anfangs war sie etwas enttäuscht, hätte Liesel Heisig doch zu gern auch eine Nonnenkutte getragen. Nun kleidet sie eine weiße Kittelschürze, wenn die Darsteller der Klosterspiele am 8. September das Kloster Merxhausen zum 800-jährigen Bestehen spielerisch zu seinen Ursprüngen zurückführen.

Während der aktuell laufenden Proben hat sich “Lieselchen“, wie sie von ihren Mitspielern liebevoll gerufen wird, immer mehr mit ihrer Rolle als arbeitende Ordensschwester angefreundet, obwohl sie nicht ein einziges Wort Text zu lernen hat. „Ich kann auf der Bühne improvisieren und voll in meiner Rolle aufgehen, das ist einfach wunderbar“, schwärmt die Emstalerin. Mit ihren 78 Jahren ist sie nicht nur ältestes Ensemblemitglied, sie ist auch von Anfang an dabei. „Es macht mir einfach große Freude, wir sind eine tolle Gemeinschaft.“

Geschäftstüchtige Nonnen

So wird sie etwa einen Korb Stroh über die Bühne tragen, vielleicht auch Wäsche aufhängen, wenn die Jubiläumsgäste in zwei kurzen Szenen aus dem Klosterleben unter anderem erfahren, wie sich das Kloster einst finanzieren konnte. „Die Nonnen gingen da sehr klug und geschäftstüchtig vor“, sagt Hildegard Brabsche, die in die Rolle der stellvertretenden Klostervorsteherin schlüpft. „Da tritt beispielsweise eine Novizin wieder aus dem Kloster aus, für die verlorene Arbeitskraft müssen die Angehörigen dem Kloster Land vermachen.“

Regie war neue Erfahrung

Ohne Text, dafür mit Leidenschaft: Liesel Heisig als arbeitende Nonne.

Die Spielszene ist anhand einer Urkunde aus dem Kopialbuch Merxhausen entstanden, die Waltraud Regina Schmidt unter dem Titel „Alheidis von Venne will nicht in den Konvent zu Merxhausen eintreten“ übersetzt hat. Mit ihr haben sich Brabsche und Gisela Fink zusammengesetzt, um Ideen für die Jubiläumsaufführungen zu erarbeiten. Fink hat ihrer Schauspieltruppe nicht nur das Drehbuch auf den Laib geschneidert, sondern auch die Regie übernommen. Das sei eine völlig neue Erfahrung gewesen, sagt Finke, die mit ihrem Team sonst wesentlich größere Produktionen gewohnt sei. „Wir haben diesmal von allem etwas weniger, kein großartiges Bühnenbild, nur ein überschaubares Ensemble.“ Genau das sei aber auch das Schöne, schließlich habe sie so für jeden Darsteller mehr Zeit, die Zusammenarbeit insgesamt sei wesentlich enger.

Dass sich das positiv auf das Zusammenspiel auswirkt, wird sich auch in der zweiten Spielszene „Der Totschläger und die Klosterjungsfrauen zu Merxhausen“ zeigen, in der sich die Ordensfrauen für die Ablassgebete Ländereien überschreiben lassen. Auch dann wird irgendwo im Hintergrund Liesel Heisig in ihrer Rolle als arbeitende Nonne über die Bühne wandeln, ohne Nonnenkutte, sicher aber mit ganz viel Leidenschaft.

Quelle: HNA

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