Verzweifelte jüdische Wolfhager brachten ihre Kinder nach Holland oder England vor den Nazis in Sicherheit

Verschwundene Nachbarn

Mittelstraße 6 in Wolfhagen: Schuhgeschäft der Familie Kann um 1900.

Wolfhagen. Ende des Jahres 1938 war das Leben für Juden in Wolfhagen unerträglich. So zwangen die Nazis auch Siegmund Kann, Vater von Chana Dankner, sein Schuhgeschäft an der Mittelstraße 6 in Wolfhagen abzugeben. Um auf die Geschichte des Hauses der Familie Kann aus Wolfhagen aufmerksam zu machen, wird am 9. November, dem Tag der der Reichspogromnacht vor 74 Jahren, eine Gedenktafel an diesem Haus enthüllt.

Um ihre Kinder vor den Misshandlungen und Übergriffen der Nazis zu schützen, sahen viele Eltern nur eine Möglichkeit: Sie schickten ihre Kinder nach Holland oder England. Eine Reise in eine ungewisse Zukunft. Meist sahen die Kinder ihre Eltern nie mehr wieder. Eine so grausame Erfahrung machte auch Chana Dankner, geborene Anneliese Kann, aus Wolfhagen.

Fahrt ins Ungewisse

„Am 3. Januar 1939 wurde sie mit 100 anderen jüdischen Kindern mit einem so genannten Kindertransport nach Holland gebracht“, sagt Ernst Klein, Vorsitzender des Arbeitskreises „Rückblende - Gegen das Vergessen“. Die Zahl der Einreisegenehmigungen von den Aufnahmeländern war auf 10 000 Kinder begrenzt. Viel Zeit zum Überlegen hatten die Familien nicht. Sie mussten sich schnell entscheiden. Anneliese Kann wurde mit anderen Kindern in eine Jugendherberge nach Holland gebracht. In Vorbereitungslehrgängen wurde sie auf ihre zukünftige Auswandung nach Palästina vorbereitet. Ihre Eltern wurden am 9. Dezember 1941 von Kassel nach Riga deportiert und wahrscheinlich dort umgebracht. Die genauen Todesumstände sind bis heute nicht geklärt.

Neues Leben

Im November 1939 verließ Anneliese Kann Holland in Richtung Palästina, wo sie ihren Mann kennen lernte. Sie heirateten 1942. „Sie nahm den biblischen Namen Chana Dankner an. Es war ein Name, der besser nach Israel passte“, sagt Klein. „Sie hatten ein mühsames Leben. Außer der Landwirtschaft gab es kaum Arbeit“, sagt der Vereinsvorsitzende.

„Frau Dankner habe ich als eine bescheidene, stets liebevolle Frau kennen gelernt, die sich trotz ihres schwierigen Lebens nicht unterkriegen ließ“, betont Klein. „Sie hat mit großer Freude erzählt, dass sie drei Kinder, 13 Enkel und vier Urenkel hat“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Chana Dankner besuchte im Jahr 1998 auf Einladung des Vereins Wolfhagen. Sie verstarb am 26. Juni 2012 in Rechovot. Chana Dankner war die letzte noch lebende jüdische Wolfhager Bürgerin.

Weitere Informationen über die Geschichte des Zusammenlebens von jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern im Regierungsbezirk Kassel finden sich in dem Buch „Verschwundene Nachbarn - Verdrängte Geschichte“ von Ernst Klein.

Von Johanna Uminski

Quelle: HNA

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