Aus der DDR in den Westen

Zu viert im Kofferraum: Familie Bartkowiak glückte im Mai 1975 die Flucht 

Mussten im Kofferraum stillhalten: Ein Schleuser fuhr Erika Bartkowiak, ihren Mann und die zwei Kinder 1975 über die Grenze. In Ziegenhain bauten sie sich ein neues Leben auf. Foto:  Schittelkopp

Ziegenhain. Zu viert im Kofferraum floh Familie Bartkowiak im Mai 1975 in die Schwalm. Ein Schleuser fuhr Vater, Mutter, Sohn und Tochter über die innerdeutsche Grenze.

In Ziegenhain bauten sich die Bartkowiaks ein neues Leben auf. Noch heute erinnert sich Erika Bartkowiak ganz genau an die Flucht vor 39 Jahren.

„Wir konnten uns im Kofferraum nicht bewegen“, erzählt die 73-Jährige. Die Familie machte sich von ihrer Heimat Klein Germersleben (Landkreis Börde bei Magdeburg) mit dem Wartburg auf nach Berlin. Das Auto ließen sie stehen und stiegen um in einen Fluchtwagen. „Das war ein Peugeot“, erinnert sich Erika Bartkowiak.

Kurz vor der Grenze wurde das Auto nochmals gewechselt. Mitten auf der Autobahn hielt der Fahrer an und die Familie stieg in den Kofferraum eines Mercedes’ ein. „Mein Sohn war damals sehr nervös“, sagt die Rentnerin.

Dann ging es am Grenzübergang Helmstedt in die Bundesrepublik. Wie lange diese Fahrt dauerte, weiß Erika Bartkowiak nicht. „In so einer Situation werden fünf Minuten zu einer Ewigkeit.“ Sie weiß noch, dass der Schleuser vor der Grenzkontrolle das Radio lauter drehte. Die Haare der älteren Schwester kitzelten den sechsjährigen Sohn ständig im Gesicht. Doch alle mussten ganz leise sein, die Angst, entdeckt zu werden, war immens.

„Das war wirklich nicht ohne“, sagt sie heute. Hätte einer husten oder niesen müssen, wäre die ganze Familie aufgeflogen. „Dann wären wir ins Gefängnis und die Kinder ins Heim gekommen.“

„In so einer Situation werden fünf Minuten zu einer Ewigkeit.“

Erika Bartkowiak

Doch es ging alles gut. Am ersten Rastplatz hielt der Fahrer an, öffnete den Kofferraum und sagte, die Familie könne aussteigen. Sie erwiderte: „Das müssen wir erstmal schaffen“. Derartig zusammengepfercht lagen die vier Flüchtlinge in dem Wagen. Danach fuhren sie weiter nach Frankfurt am Main.

Dort nahm sie ihr Bruder, Georg Bonte, in Empfang und die Endstation der Flucht hieß schließlich Ziegenhain. Anfangs kam die Familie beim Bruder unter. Er hatte die Flucht organisiert, die Familie zahlte ein Vermögen für die Schleuser. Der Entschluss zur Flucht fiel als Erika Bartkowiak kurz zuvor ihren Bruder besucht hatte. „Ich hatte noch lange Albträume von der Flucht“ erinnert sie sich.

In der Schwalm bauten sich die vier ein neues Leben auf. Erika Bartkowiak wurde Krankenschwester, ihr Mann Erich Busfahrer. Bis zum Mauerfall besuchte Erika Bartkowiak ihre alte Heimat nicht mehr.

Die daheimgebliebenen Familienangehörigen wurde von der Stasi massiv unter Druck gesetzt, einige kamen ins Gefängnis. Sie sollten verraten, wohin die Bartkowiaks verschwunden waren. Die Erinnerungen daran lassen Erika Bartkowiak die Tränen in die Augen steigen. Lange Zeit konnten sie keinen Kontakt halten: „Das war sehr schlimm.“

Nach der Wende sah Erika Bartkowiak ihre Stasi-Akte ein. „Wir wurden ständig bespitzelt.“ Daraus erfuhr sie, dass der Fahrer später verhaftet wurde. Der Kopf der Fluchthelfer-Gruppe, ein Schweizer, wurde Jahre später in seiner Wohnung in Zürich erschossen.

Für mich war die DDR ein Unrechtsstaat“, sagt die 73-Jährige. Die Familie wurde enteignet, überwacht und bedrängt. „Wenn man mal überlegt, wenn das noch 25 Jahre so weitergegangen wäre“, sagt sie in Hinblick auf den Jahrestag des Mauerfalls. Ihre Freunde und Bekannten waren alle froh, als dann die Wiedervereinigung kam. Erst kürzlich besuchte sie Klein Germersleben – heute macht sie das gern.

Von Claudia Schittelkopp

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare