Gegen das Vergessen der Mundart

Viesebecker Senioren erzählen auf Platt, ihre Geschichten gibt es im Internet

Möchte das Viesebecker Platt bewahren: Klaus Schaake hat mit dem Zoom H4 Handy Recorder, einem digitalen Aufnahmegerät, einen Podcast erstellt.
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Möchte das Viesebecker Platt bewahren: Klaus Schaake hat mit dem Zoom H4 Handy Recorder, einem digitalen Aufnahmegerät, einen Podcast erstellt.

Der Kasseler Medienmacher Klaus Schaake hat einen Podcast über das Viesebecker Platt gemacht.

Viesebeck – Spinnstube, Schule, Schlachten, Schützenfest, der Winter, die Kneipen, Tante Hanebeck und Billy Mo im Festzelt auf der Lieth: Es war der letzte Altennachmittag im Hessenkrug in Viesebeck, bevor die Pandemie kam. Am 4. März vergangenen Jahres besuchte der Kasseler Medienmacher Klaus Schaake die Senioren auf dem von den jüngeren Frauen des Dorfes organisierten Treffen.

Mit im Gepäck hatte der gebürtige Viesebecker sein Aufnahmegerät. Damit zeichnete er an diesem Nachmittag bei Kaffee, Kuchen und zwischendurch untermalt von Jochen Drüges Akkordeon-Spiel die Geschichten auf, die ihm die Viesebeckerinnen und Viesebecker auf Platt erzählten. Daraus machte der Freiberufler eine 26-minütige Audio-Dokumentation. Auf dem Podcast zu Wort kommen Anneliese Rost, Ilse Scheuermann, Elisabeth Wenzlitschke, Ludwig Kuhaupt, Karl Markus und Walter Scheuermann.

Inspiriert zu dieser Aktion hatte ihn eine Arbeit, die während der jüngsten documenta in der Kasseler Grimmwelt zu sehen – oder besser gesagt – zu hören war: Die Sprachen von Völkern, die vom Aussterben bedroht sind. Die Parallele zur alten Sprache seiner Eltern und Großeltern drängte sich ihm förmlich auf.

Nun sind die Viesebecker nicht vom Aussterben bedroht, das Viesebecker Platt hingegen schon. Denn von den nachkommenden Generationen kann es fast niemand mehr aktiv sprechen. „Wenn meine Idee andere Menschen im Wolfhager Land motiviert, auch ihr Platt als Teil der kulturellen Identität zu dokumentieren, würde ich mich riesig freuen“, sagt Schaake zu seinem Engagement. Und vielleicht wäre es ja möglich, im Rathaus oder im Museum die mündlichen überlieferten Geschichten aus den umliegenden Dörfern zu sammeln und für künftige Generationen zu bewahren, formuliert Schaake seine Hoffnung. Ein mögliches Werkzeug dafür hat heute mittlerweile jeder in der Hosentasche: sein Smartphone. Diese kleinen Geräte erzeugen im Vergleich zu früheren Kameras, denkt man an Super 8 Filme und Kassettenrekorder als Aufnahmegeräte, eine fantastische Qualität, und sie sind jederzeit verfügbar.

Über den Besuch des Altennachmittags vor über einem Jahr hinaus brauchte es gut eineinhalb Tage, bis die Gespräche auf Platt in ihrer finalen Version den Weg ins Internet fanden, wo sie jederzeit verfügbar sind – „und das, pathetisch gesprochen, weltweit“, sagt der 57-Jährige, dem der Erhalt der Mundart am Herzen liegt und der einräumt, das Platt zwar verstehen, aber selbst nicht sprechen zu können.

Mit ihren Smartphones kann die jüngere Generation den Viesebecker Seniorinnen und Senioren die Geschichten vorspielen und damit gleich selbst noch etwas über die Historie ihres Dorfes lernen. „Ein wunderbarer Brückenschlag zwischen Jung und Alt“, wie Schaake findet, denn eine der Seniorinnen, die auf Platt zu Wort kommt, stellt nüchtern fest: „Hüdde sinn se joh nur noh am Tippen.“

Eine erste Resonanz auf seinen Podcast hat Klaus Schaake bereits erhalten. Ein Viesebecker schlug ihm vor, seine Eltern zum „Fremdenverkehr in Viesebeck“ zu befragen. Denn vor einigen Jahrzehnten kamen auch Sommerfrischler ins Dorf. (Antje Thon)

Den Podcast gibt es im Internet unter: klausschaake.de/viesebeck/

Kontakt: info@klausschaake.de

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