Bericht eines Opfers

Im Visier des Stalkers: Frau schildert ihr jahrelanges Leiden

Schwalm-Eder. Brigitte L. schreckt noch immer zusammen, wenn es an der Tür klingelt und sie keinen Besuch erwartet. Unbekannte Anrufe nimmt sie nicht entgegen, und wenn jemand hinter ihr läuft, befürchtet sie, verfolgt zu werden. Brigitte L.  wurde jahrelang gestalkt - ein Bericht.

Ihr Ex-Partner hat Brigitte L., die eigentlich anders heißt, nachgestellt. Trotz einstweiliger Verfügung und Umzug hat der seelische Terror nicht aufgehört. Selbst jetzt noch, Jahre nach den schlimmsten Vorfällen, lässt ihr der Mann keine Ruhe.

„Es sind kleine Nadelstiche. Mitteilungen von mir unbekannten Menschen über soziale Netzwerke wie Wer-kennt-wen und Facebook“, sagt die Frau und Mutter. Die Profile seien gefälscht, aber mit Hinweisen in den Nachrichten mach er deutlich, dass er es ist.

Totale Ignoranz sei das einzige Heilmittel. „Diese Menschen leben für die Aufmerksamkeit, die sie von ihren Opfern bekommen. Sie saugen dich aus. Das muss man durchbrechen“, sagt sie.

Sie reagiere auf keine Kontaktversuche. Üblich seien solche Nachrichten wie: „Hilf mir, ich muss bald sterben“. Die Täter appellierten an Hilfsbereitschaft und Mitgefühl. Viel zu lange habe sie versucht, den Täter zu verstehen, die Schuld bei sich gesucht und sei auf Gesprächsangebote eingegangen. „Ich hatte die Hoffnung, Einsicht zu erzeugen. Das ist komplett naiv. Wer stalkt, ist nicht klar im Kopf“, sagt Brigitte L.

Eindringlich rät sie, frühzeitig Freunde, Verwandte und die Polizei hinzuzuziehen: „Aus falscher Scham habe ich es erst nicht erzählt. Aber die Täter ziehen irgendwann das Umfeld mit hinein. Besser, sie erfahren es frühzeitig.“ Sie habe sich erst nach einer lebensbedrohlichen Attacke an die Polizei gewendet. Viel zu spät, wie sie heute weiß.

Das Stalking-Gesetz (seit 2007 in Kraft) sei Gold wert. Während ihrer Leidenszeit habe es das noch nicht gegeben. Aber auch jetzt gehe es ihr noch nicht weit genug, kritisiert sie. „Wenn nächtelang das Telefon klingelt, der Anrufbeantworter voll ist von Obszönitäten und mittendrin die eigenen Kinder schreien, ist man einem Nervenzusammenbruch nahe.“

Immer wieder kam es vor, dass der Täter plötzlich vor der Tür stand. Aus dem Fenster konnte sie sehen, wie sie von ihm beobachtet wurde. Bei Erledigungen hat er ihr aufgelauert. Und alles, was sie sagte, wurde ihr von ihm im Mund herumgedreht. „Wer ist so cool und dokumentiert das alles und sichert SMS und E-Mails, wie für ein Eingreifen der Polizei nötig?“

Sie fordert, dass ein früheres Eingreifen der Polizei möglich ist – strenge Auflagen gleich zu Beginn und bei Zuwiderhandlung dann eine Strafe.

„Wer wie ich jahrelang gestalkt wurde, ist seelisch kaputt. Stalking ist seelischer Missbrauch. Ich bin beziehungsgestört. Nähe und Vertrauen aufzubauen, ist mir trotz einer langen Therapie unmöglich geworden“, sagt Brigitte L. und wirkt sehr traurig. Sie habe zugenommen, und ihr Nervenkostüm ist angeschlagen.

Es koste sie viel Kraft, ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Sie sei mehrfache Mutter, müsse im Alltag funktionieren. Daher wünscht sie sich, Stalking-Opfer mögen sofort den Weg zur Polizei und anderen Hilfsorganisationen wählen.

Quelle: HNA

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