Harsche Kritik an AfD-Forderung 

Verein "Rückblende – Gegen das Vergessen": Stolpersteine sind die zweitbeste Lösung

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Statt Stolpersteine Gedenktafeln: Das Bild zeigt eine Gedenktafel für Paula und Albert Katzenstein in Wolfhagen.

Wolfhager land. Die Forderung des AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon die Stolperstein-Aktion zu beenden stößt  auf Kritik. Doch nicht alle jüdischen Nachfahren finden die Steine gut. 

Der Volkmarser Ernst Klein setzt alles daran, die vielen Schicksale von jüdischen NS-Opfern auzuarbeiten und eine Erinnerungskultur aufzubauen. Der Vorsitzende des Vereins Rückblende – Gegen das Vergessen in Volkmarsen, hat seit über 25 Jahren weltweit Kontakt mit jüdischen Zeitzeugen der NS-Zeit oder deren Nachfahren. Dass ein AfD-Abgeordneter das Ende der Stolperstein-Aktion fordert, kritisiert er scharf. „Es ist mehr als beschämend, dass ein Politiker so eine Aktion für seine Propaganda-Zwecke nutzt.“ Aus erster Hand weiß er aber auch, dass Stolpersteine für die Nachfahren betroffener Juden nicht unbedingt die Anerkennung bieten, die sie vielleicht sollte.

Ernst Klein war maßgeblich daran beteiligt, dass keine Stolpersteine in Wolfhagen verlegt werden. „Die Aktion des Künstlers Gunter Demnig ergab einen großartigen Anstoß, der viel bewirkt hat“, sagt er. Die Aktion habe tausende von Menschen dazu gebracht, die Geschehnisse der NS-Zeit unvergessen zu machen. Das sei der ursprüngliche Ansatz der Stolpersteine gewesen, so Klein. Doch in den vergangenen Jahren, als Ernst Klein mit Nachfahren jüdischer Opfer in Kontakt trat, aus einigen ist bereits eine Freundschaft gewachsen, sei ihm immer mehr bewusst geworden, dass ein Stein am Boden nicht den Respekt zolle, den er eigentlich solle.

„Aus Erster Hand habe ich erfahren, dass viele der jüdischen Nachfahren die Aktion nicht besonders gutheißen“, erzählt er. In einigen Gesprächen kamen Sätze wie: „Auf den Juden ist während des Nationalsozialismus genug herumgetrampelt worden – Das reicht jetzt.“

Diesen Gedanken nahm der Vorsitzende des Vereins Rückblende auf. „Um ein angemessenes Andenken an die Opfer des NS-Regimes zu finden, war der erste Gedanke immer Stolpersteine“. Sie seien an sich eine gute Sache, aber mittlerweile auch Massenware, sagt er.

Für ihn und viele, die mit ihm beruflich zutun haben, sei es wichtig, den Opfern ein individuelles Andenken zu geben. „Ohne, dass wir Stolpersteine ablehnen, sie sind aber die zweitbeste Lösung.“ Auf einem zehn Mal zehn Zentimeter großen Stein, auf den nur zwei Daten passen, stecke nicht viel dahinter. Als gelungenes Andenken zieht Klein die Stadt Wolfhagen heran: Klein empfinde nach vielen Jahren, in denen er sich mit den Schicksalen beschäftige, Gedenktafeln als die bessere „Lösung“. „Junge Leute erkennen bei den Steinen keine Assoziation, da sie zu wenige Informationen enthalten.“

Statt Stolpersteine Gedenktafeln: Das Bild zeigt eine Gedenktafel für Paula und Albert Katzenstein in Wolfhagen.

Die Gedenktafeln erhalten noch kurze Sätze zum Leben des Verstorbenen und viel wichtiger: Sie sind auf Augenhöhe des Betrachters, sagt Klein. „Das ist vielen Nachfahren enorm wichtig gewesen“, erklärt er. Auch Ralph W. Mollerick, die letzte lebende jüdische Person, die ihre Kindheit in Wolfhagen verbracht hat, teile diese Meinung, erklärt Klein. Derzeit arbeitet der Verein Rückblende – Gegen das Vergessen an der deutschen Übersetzung einer Biografie über das Leben des heute 87-Jährigen, der in Florida lebt. Die Übersetzung soll im April fertig sein. Das Buch umfasst 400 Seiten. Die Übersetzung ist bereits abgeschlossen. Jetzt sei man am Korrekturlesen. „Es fehlt nur noch der Feinschliff“, sagt Klein. 

Quelle: HNA

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