Volksbund recherchierte Biografien von Toten auf Kriegsgräberstätte in Bad Emstal

Letzte Ruhestätte für 242 Opfer von Gewalt: Auf der Gedenkstätte Bad Emstal wird an sie erinnert.

Bad Emstal. Winu Gopal, Sigurd Molin, Maria Museijak, Demjan Bolejchuk - sie waren auf der Kriegsgräberstätte in Bad Emstal lange Zeit nur Namen. Jetzt haben sie einen Teil ihrer Lebensgeschichte zurückbekommen. Der Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte die Schicksale der drei Männer und einen Frau recherchiert.

Am Dienstag wurden die Ergebnisse vorgestellt und Tafeln mit Auszügen aus den Biografien der Verstorbenen an ihren Gedenksteinen aufgestellt.

„Welche Bedeutung haben Kriegsgräberstätten heute?“, fragte der Vorsitzende des Landesverbandes Karl Starzacher während der Feierstunde auf der Gedenkstätte. Oft werde der regionalgeschichtliche Wert der Stätten, wie sie es in Bad Emstal und Breuna gibt, unterschätzt. Schon bald würden die letzten Angehörigen der Opfer des Zweiten Weltkrieges verstorben sein. Auf ihre Erinnerungen könne man dann nicht mehr bauen. „Junge Leute können mit den Toten nichts mehr anfangen“, sagte Starzacher und verwies auf das Generationenproblem.

Angehörige meldete sich

Ende der 1990er Jahre hatte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit der Forschung begonnen. Eine Angehörige von Sigurd Molin, einem jungen Mann aus Schweden, hatte sich an den Verein gewandt und um Mithilfe und Informationen über den Verbleib Molins gebeten. Mitarbeiter des Volksbundes recherchierten die Biografien, besuchten Archive und im Falle Molins fanden sie sogar ein Foto des Mannes, der in Merxhausen starb.

Landrat Uwe Schmidt freute sich, dass ein Jahr nach Eröffnung des friedenspädagogischen Lehrpfades, dessen Konzept von Oberst a.D. Jürgen Damm stammt und der am Dienstag in Bad Emstal ebenfalls eine Tafel aufstellte, mit den Biografien dem Friedhof weitere Mosaiksteinchen hinzugefügt wurden - „das macht das Gedenken persönlicher“.

„Vermeintliche Sicherheit“

Gerade die Zusammenarbeit des Volksbundes mit Schülern der Christine-Brückner-Schule in Bad Emstal mache die Kriegsgräberstätte so wichtig. Vier der 242 Menschen, an die auf der Ruhestätte erinnert wird, hätten ein Stück ihrer Identität zurückbekommen. So sei es leichter möglich, zu den Opfern der Gewaltherrschaft eine Beziehung aufzubauen. Gerade weil die Menschen in Deutschland seit fast 70 Jahren in Frieden lebten, fehle es an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg. Doch es sei nur eine „vermeintliche Sicherheit“, in der sich die junge Generation wiege.

Von Antje Thon

Die Biografien der Toten:

Demjan Bolejchuk

Demjan Bolejchuk wurde am 26. Mai 1921 im russischen Urosow geboren. Wann er nach Deutschland kam, ist nicht bekannt. Es ist wahrscheinlich, dass der junge Mann während des Zweiten Weltkrieges einer von zahllosen Zwangsarbeitern aus Osteuropa war. Ab dem 4. April 1944 war er in Lohfelden gemeldet. Akten der Allgemeinen Ortskrankenkassen belegen, dass er bei den Fieseler Werken beschäftigt war. Schätzungsweise waren dort 6000 Zwangsarbeiter eingesetzt, um Flugzeuge und Raketen für die Wehrmacht zu produzieren. Die Arbeitsbedingungen waren sehr schlecht, es gab keine Schutzbekleidung, oftmals musste 60 Stunden in der Woche gearbeitet werden. Demjan Bolejchuk starb am 16. März 1945 an einer Lungentuberkulose. (ant)

Maria Museijak

Maria Museijak wurde am 18. Juni 1924 im russischen Uspenkoje geboren. Als so genannte zivile Arbeiterin arbeitete die junge Frau von September bis November 1943 bei der Bahnmeisterei Zierenberg. Am 30. November verstarb sie an den Folgen eines Arbeitsunfalls. In den Umbettungsunterlagen des Volksbundes ist vermerkt, dass der linke Unterarm zertrümmert war.

Maria Museijak war eine von Millionen von Ostarbeiterinnen, die von den Nationalsozialisten aus der Ukraine, Russland, Polen und den baltischen Staaten nach Deutschland verschleppt wurden und Zwangsarbeit leisten mussten. Die ihnen zugeteilten Essensrationen waren gerade zum Überleben ausreichend, Arbeitsschutzbestimmungen existierten nicht, Löhne wurden nicht ausbezahlt und der Kontakt zur deutschen Bevölkerung war verboten. (ant)

Sigurd Molin

Sigurd Molin wurde in Westerrad, Schweden, geboren. Während der Fortsetzung des finnisch-sowjetischen Krieges 1943 diente er als Erntehelfer in Finnland. Im gleichen Jahr meldete er sich zur Waffen-SS und war für die Ausbildung an der SS-Junkerschule in Bad Tölz vorgesehen. Er erkrankte an Lungentuberkulose, an der er im September 1944 im Reservelazarett in Merxhausen verstarb. Molin war einer von 500 Schweden, die nachweislich in SS-Verbänden dienten. Die Nazis schätzten die Freiwilligen aufgrund ihrer Rassenzugehörigkeit. Es ist davon auszugehen, dass er sich als Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Schweden mit der menschenverachtenden Ideologie des deutschen Nationalsozialismus identifizierte. (ant)

Winu Gopal

Winu Gopal war ein indischer beziehungsweise britischer Staatsangehöriger, der im Zweiten Weltkrieg in der Legion „Freies Indien“ für das Deutsche Reich gekämpft hat. Ab 1941 suchte die Wehrmacht in Kriegsgefangenenlagern nach Indern, die bereit waren, in einer indischen Wehrmachtsabteilung gegen Großbritannien zu kämpfen. Die Mehrheit der indischen Soldaten meldete sich freiwillig, da die deutsche Regierung mit dem indischen Unabhängigkeitskämpfer Subhash Chandra Bose zusammenarbeitete.

Die Legion wurde nie in Indien eingesetzt und im August 1944 in die Waffen-SS überführt. Die indischen Soldaten kämpften an der Westfront. Winu Gopal starb im Lazarett in Merxhausen. (ant)

Quelle: HNA

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