Flucht mit dem Panzer

Vor 25 Jahren: Mörder aus dem Ziegenhainer Gefängnis befreit

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Gesichert: Ein Panzerfahrzeug der Polizei vor dem Südtor des Ziegenhainer Gefängnisses.

Ziegenhain. „Mörder mit Panzer befreit“, titelte die HNA vor 25 Jahren. Auch weltweit sorgte dieser spektakuläre Ausbruch für Aufsehen.

Am 4. April 1993 wurde der wegen dreifachen Mordes verurteilte Lothar Luft von einem Komplizen aus dem Ziegenhainer Gefängnis befreit – mit einem Panzerspähwagen.

Den 18 Tonnen schweren Panzer „Fuchs“ hatte sich die Bundeswehr aus der Herrenwaldkaserne in Stadtallendorf stehlen lassen. Dort wurde der Verlust erst nach dem Ausbruch bemerkt. Der Täter fuhr ungehindert über die Landstraße ins etwa 22 Kilometer entfernte Ziegenhain, wo er mit dem Panzer in voller Fahrt zunächst die eiserne Südaußenpforte des Gefängnisses plattwalzte, sich von drei weiteren Toren nicht aufhalten ließ.

Justizbeamter Lothar Ditter hatte damals Dienst in der in einem anderen Gebäudeteil liegenden Gefängnispforte, als er am 4. April 1993 gegen 13.30 Uhr den Funkspruch erhielt: „Alarm, Alarm! Panzer versucht, in die Anstalt einzudringen.“ Im ersten Moment habe er an einen verspäteten Aprilscherz gedacht, erinnert sich Ditter beim Ortstermin in dieser Woche an der inzwischen durch massive Poller gesicherten Südpforte. Auch sei ihm sofort der letzte Terroranschlag der Rote Armee Fraktion (RAF) in den Sinn gekommen, der wenige Tage zuvor passiert war: Am 27. März 1993 verübte die RAF ein Sprengstoffattentat auf die JVA Weiterstadt.

Inzwischen mit Pollern versehen: Lothar Ditter war am 4. April 1993 an der Pforte im Dienst, als ein Dreifach-Mörder mit einem Panzer aus dem Ziegenhainer Gefängnis befreit wurde. 

Szenen wie in einem Actionfilm

Kurz nach dem ersten Funkspruch folgte der zweite: „Panzer ist in der Anstalt.“ Szenen wie in einem Actionfilm spielten sich ab. Gefängnisbedienstete hörten ein Röhren, der Bewachungsturm wackelte, Tore flogen durch die Luft. Wie ein Taxi durchbrach der Panzer das Haupttor und drei weitere. 

Im Hof hatten die Gefangenen gerade Freigang - auch Lothar Luft. Seine Mithäftlinge flüchteten aus Furcht vor einem Attentat sofort in den Unterkunftsbereich, den hatten die Beamten schleunigst aufgeschlossen. Nur einer nicht. Lothar Luft. Die Klappe des Panzers öffnete sich und der Mörder stieg ein und fuhr mit dem Panzer aus dem Knast.

Gerade mal fünf Minuten habe das Ganze gedauert, sagt Lothar Ditter, und der Panzer brauste ab in Richtung Loshausen. Das Bundeswehrfahrzeug wurde später im Vogelsbergkreis gefunden. Dort muss ein Fluchtfahrzeug gewartet haben. Den Panzerfahrer fasste die Polizei kurze Zeit nach der Aktion in Frankfurt, Lothar Luft erst Monate später im Elsass. 

Fluchtversuch des Komplizen mit Gabelstapler

Vor 25 Jahren donnerte er in Ziegenhain mit einem Panzer durch Gefängnistore und befreite so einen Mörder. Später saß der Panzerfahrer selbst in der JVA Ziegenhain ein. 2012 wählte er erneut ein ungewöhnliches Fluchtfahrzeug. Ein Gabelstapler sollte ihm in Freiheit bringen. Alarmiert zeigten sich Ziegenhainer JVA-Beamte, die den Mann beobachteten, wie er sich an einem Gabelstapler zu schaffen machte – wohl um das Fahrzeug kurzzuschließen. 

Die anschließende Durchsuchung offenbarte einen ausgeklügelten Fluchtplan. Neben einem Tor, an dem er bereits die Bolzen gelöst hatte, entdeckten die Beamten zwei Stapel Holzpaletten, über die der Häftling mithilfe des Gabelstaplers auf das Dach eines Werkstattgebäudes gelangen wollte. Der Mann wurde unter anderem wegen schweren Raubes, räuberischer Erpressung und sexueller Nötigung verurteilt.

Lokalzeitung im tiefsten Michigan titelte: „Waffen und Tollpatsche – Wer passt auf deutsche Munition auf?“

Schon gewusst?

  • Lothar Luft hat seine Ehefrau, seine Schwiegermutter und eine Geliebte umgebracht.
  • Lothar Luft und sein Komplize, der Panzerfahrer, lernten sich 1991 in der Haftanstalt in Butzbach kennen. Sie verband eine Freundschaft.
  • Die Bundeswehr in Stadtallendorf bemerkte den Verlust des Panzers zunächst nicht. Erst nach dem Ausbruch stellte man das Fehlen eines Fahrzeuges fest.
  • Der Panzerfahrer hatte von militärischen Fahrzeugen keine Ahnung. Es heißt, er habe nie gedient. Fahrstunden gab’s erst in der Herrenwaldkaserne. Dort hatte er sich einschließen lassen und das Fahrzeug getestet.
  • Lothar Luft war mit Zahnschmerzen auf der Flucht. Er hatte sich erst kurz zuvor einer Zahn-Operation unterzogen.
  • Der Mörder flüchtete mit einem neuen Haarteil.
  • Lothar Luft starb vor einigen Jahren in einem Hospiz. Bis dahin hatte er in der JVA Kassel eingesessen.

Quelle: HNA

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