Heinrich Ried sorgte ab 1959 für die tägliche Zeitungslektüre der ganzen Familie

Die Wahrheit am Abend

Immer auf dem Laufenden: Jeden Morgen informiert sich Heinrich Ried über das Weltgeschehen und die Ereignisse vor Ort in seiner Schwälmer Allgemeinen. Foto: Decker

FRIEDIGERODE. Eigentlich ist Heinrich Ried (82) ein waschechter Friedigeröder, doch in den fünfziger Jahren lebte er in Karlsruhe. Dort arbeitete er nebenberuflich als Privatdetektiv. „Das war die langweiligste Zeit in meinem Leben“, erzählt der gelernte Schreiner mit einem Schmunzeln.

Sein Leben wurde wieder spannender, als er 1959 zurück in sein Heimatdorf kam, mit der Heirat ins Haus der Schwiegereltern zog und als erste Neuerung ein Abonnement der HNA bestellte. Zuvor hatte es nur eine Wochenzeitung in der Familie seiner Frau Gertrud gegeben.

Seine Schwiegermutter war begeistert von der neuen Zeitung und las sie morgens immer als Erste. „Da musste ich einmal ganz böse werden, denn wenn ich die Zeitung abends lesen wollte, war sie immer total zerfleddert“, erinnert sich Ried. Doch die Schwiegermutter lernte, die Seiten nach dem Lesen wieder ordentlich zusammen zu legen, sodass der Hausfrieden gerettet war.

Ein besonderes Ereignis für Friedigerode war die 750-Jahr-Feier 1981. Die Bewohner des Ortes planten einen Festumzug. Ried gestaltete zusammen mit seinen Nachbarn einen Motivwagen, jedoch benötigte ihre Gruppe einen Namen. Alle überlegten, doch sie fanden keinen geeigneten. Die Rettung nahte überraschenderweise in der HNA. Bei der Zeitungslektüre stieß der Schreiner, der mittlerweile auf Holzkaufmann umgesattelt hatte, auf ein Interview mit einem Lokalpolitiker. Es ging um die neu sanierte Straße, an der Ried und seine Nachbarn lebten. Der Politiker hielt wohl nicht viel von dieser Geldausgabe, denn er meinte: „Wenn ich diese Prunkstraße sehe, dann wird mir übel.“ Das war das Stichwort für Ried. „Da habe ich auf den Tisch gehauen und unser Name war gefunden: Die Bürger der Prunkstraße.“

Teilen beim Frühstück

Der Vater dreier Kinder und Großvater dreier Enkelkinder ist seit 1998 Witwer. Er lebt allein in seinem Haus, bekommt aber häufig Besuch von seiner neuen Lebensgefährtin, „dann teilen wir beim Frühstück die Zeitung“. Wenn Heinrich Ried es eilig hat, ist er nach zehn Minuten fertig mit den Nachrichten.

„Dann lese ich nur die Überschriften, um informiert zu sein“, erklärt Ried. Aber wenn er Zeit hat, schmökert er auch schon mal eine Stunde in den Seiten. „Im Kegelclub diskutieren wir manchmal so lange über etwas, was wir über Lokales oder die große Politik gelesen haben, dass wir gar nicht mehr zum Kegeln kommen“, gesteht er. „Früher habe ich zuerst den Politikteil gelesen, da ich immer mit dem Titelblatt beginne“, erklärt Ried.

Dass seit einiger Zeit die Lokalnachrichten an den Beginn gerückt sind, gefällt dem rüstigen Rentner jedoch besser. Ist die Zeitung durchgelesen, wandert sie sofort ins Altpapier. „Als ich noch zur Arbeit musste, habe ich morgens immer eine große überregionale Zeitung gelesen. Wenn ich dann aber abends wieder die HNA las, wusste ich, was die Wahrheit war“, beendet Heinrich Ried mit einem verschmitztem Lächeln seine persönliche Geschichte mit seiner Lokalzeitung.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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