Waldbühnen-Premiere: Ben Hur im Regen

Niederelsungen. Viel schlechter hätte das Wetter für eine Theateraufführung im Freien nicht sein können: herbstliche Kühle und fast durchgehend Nieselregen. Doch das Publikum wollte Ben Hur auf der Niederelsunger Waldbühne erleben und strömte am Samstag in Massen mit Wolldecken und Regenjacken zur Premiere.

Niederelsungen. Wie weit trägt eine Freundschaft? Wie fest sind Familienbande? Kann Liebe wirklich alles verzeihen? Und überhaupt - was ist Gerechtigkeit in Zeiten von Krieg und Glaubenskämpfen? Derart zentralen Fragen widmet sich die Spielgemeinschaft der Waldbühne Niederelsungen mit ihrem Ben Hur, indem sie mit der Theaterversion die sattsam bekannte Filmvorlage vom Ballast der nur effektheischenden Bilder befreit und auf sanftem Weg auf den ursprünglichen Gehalt zurückführt.

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Natürlich fehlt das spektakuläre Wagenrennen, das den Oscar-überhäuften Hollywood-Schinken mit Charlton Heston unvergesslich machte, auch auf der Waldbühne nicht. Und diese Szene wird auch von dieser Inszenierung haften bleiben: Zwei vierspännige Streitwagen rasen über die dafür eigentlich viel zu kleine Bühne, überholen sich in engem Bogen sogar.

Das Getrappel der acht edlen Rösser unterstützt treibende Musik. Das Volk tobt und schreit, das Publikum auch. Bühne, Zuschauerränge - wir sind im römischen Circus Maximus, mittendrin und hautnah dran am gefährlichen und todbringenden Geschehen. Hier gelingt den Regisseuren Arnd Röhl und Holger Elsner mit ihrem Team die Suggestion größtmöglicher Nähe zu einer von Zeit und Raum - das Stück spielt zu Beginn unserer Zeitrechnung in Jerusalem, Antiochia und Rom - weit entrückten Welt.

Die weiteren Termine

2., 3., 9., 10., 16., 17. Juli, am 6., 7., 13., 14., 20., 21. ,27., 28. August sowie am 3. September.
Eintritt: 6, 10 und 12 Euro.
Karten: Bei allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie unter der Waldbühne-Telefonnummer 0 56 06 / 22 29.

Online-Buchungen: www.waldbuehne.niederelsungen.de

Während beim Wagenrennen Präzision des Ablaufs ausschlaggebend für die Wirkung sind, fasziniert bei der Seeschlacht die schier grenzenlose Fantasie der Niederelsunger Theatermacher und deren raffinierte technische Umsetzung. Da taucht eine riesige römische Galeere zwischen den Bäumen auf, Sträflinge rudern im dumpfen Takt, das Meer ist in heftiger Bewegung, während auf den Planken des schwankenden Schiffs gekämpft wird. Die Galeere versinkt im wabernden Nebel und lässt Schiffbrüchige auf einem Floß treibend zurück.

Dass für diese Szene notwenige nasse Element war bei der Premiere real - es regnete fein, aber beständig. Die Mitwirkenden sind aber sowieso wetterfest, das Publikum am Samstagabend auch: Die Premiere war fast ausverkauft, und kaum einer verließ vorzeitig die Tribüne. Warum auch. Die Niederelsunger haben die monumentalen Roman- und Filmvorlagen gründlich entschlackt, ohne den Inhalt zu verfälschen und ohne Verzicht auf spektakuläre Szenen. Herausgekommen ist eine straffe - wenn auch immer noch knapp dreistündige - und spannende Version, deren komplizierter religiöser Hintergrund durch den Kunstgriff eines Erzählerpaares Mann/Kind plausibel wird.

Als Historienspiel daher kommend entwickelt der Ben Hur der Waldbühne im Laufe des Stücks eine Eigendynamik, die vor biblischem Hintergrund Verständnis für Glaubenkonflikte weckt und damit absolut zeitgemäß ist. Das ehrgeizige Projekt, ein derart bekanntes Epos in spielbare und kurzweilige Form zu bringen, ist geglückt. Vor allem durch eine enorme und spürbar engagierte Gemeinschaftsleistung. Das Publikum honorierte dies mit frenetischem Applaus.

Von Cornelia Lehmann

Quelle: HNA

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