Die Ziegenhainerin Otti Schwalm (88) erinnert sich an vergangene Zeiten

Es weihnachtete sehr

Stöbern in der Vergangenheit: Otti Schwalm erzählte von Weihnachten und Advent ihrer Kindheit in der Ziegenhainer Vorstadt. Hier mit den 100 Jahre alten Plätzchenrezepten ihrer Großmutter, darin unter anderem die „Kriegsmakronen“. Foto und Repros: Grede

Ziegenhain. Die Zeit von Weihnachten zu Weihnachten war ein langes Warten – als ob die Jahre damals länger als heute waren, erinnert sich Ottilie Schwalm an ihre Kindheit in den 1920er- und 1930er-Jahren. Die verbrachte die heute 88-Jährige, die viele als Otti Schwalm kennen, in Ziegenhain in der Wiederholdstraße. Dort betrieb ihre Familie ein Haus- und Küchengerätegeschäft; der Vater, Heinrich Haner, war Klempner und Installateur.

An den Adventswochenenden herrschte Trubel. Die Leute waren fast unzählig in der Ziegenhainer Vorstadt, so erscheint es Otti Schwalm im Rückblick. Auch am Sonntag hatten die Geschäfte geöffnet. „Das waren der kupferne, der silberne und goldene Advent“, sagt Otti Schwalm. Denn so seien auch die Einnahmen der Geschäfte gewesen. Schwenksieb, Kochtöpfe oder auch mal ein Melkeimer waren die Geschenke, die bei den Haners eingekauft wurden.

In der Nachbarschaft des Hanerschen Geschäfts gingen die Kunden in Weimars Buchhandlung, später Jamm und Langer, mit Schreibwaren- und Spielzeug abteilung ein und aus. An den Adventssonntagen habe es dort in der oberen Etage eine Spielwarenausstellung geben, erzählt die Ziegenhainerin. Ein schmale Treppe führte nach oben in ein Zimmer für Mädchen und eines für Jungen. Von zwei jungen Mädchen seien die Spielsachen „stramm bewacht worden, damit auch ja nichts angefasst wurde“.

In der Sattlerei Ihle, später Berneburg, direkt daneben habe es Hand- und Einkaufstaschen in allen Preislagen gegeben. Das nächste Geschäft, die Textil-, Färberei- und Betten-Jamm sei damals eine wahre Goldgrube gewesen. Im Gasthaus neben dem Rathaus, damals noch Helwig, später Löwe, wurde der Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen serviert. Grünkohl sei damals noch nicht modern gewesen, meint die 88-Jährige.

Die Familie Haner hatte alljährlich einen Weihnachtsbaum mit Lametta, Engelshaar und Kugeln geschmückt. Es gab dafür sogar schon eine elektrische Beleuchtung – in den 1920er- und 1930er-Jahren eine Besonderheit in der Schwalm. Auf dem Gabentisch lag für die junge Otti jedes Jahr eine selbstgestrickte Tellermütze mit Schal, auch Bruder Hans-Karl bekam eine Mütze und lange Strümpfe. Mutter Anna Haner war eine begeisterte Strickerin. Weihnachten war auch der passende Zeitpunkt für das alljährliche neue Paar Schuhe, erzählt Otti Schwalm.

Jede Menge Plätzchen habe es gegeben. Die großen Bleche brachte die Mutter       nach nebenan. Dort wurden sie im Ofen der Bäckerei Stübing gebacken.      Am Weihnachtsmahl schieden sich in ihrem Elternhaus etwas die Geister in der Familie Haner, meint die Ziegenhainerin. Denn die Mutter stammte aus Thüringen. Da waren die Klöße Beilage zu Fleisch und Soße, Vater Haner war Hesse und bevorzugte das Festessen mit Speck und Zwiebeln.

Otti Schwalm erinnert sich gerne zurück an die Advents- und Weihnachtszeit dieser Jahre. „Es waren Menschen da, es war Leben in den Straßen.“ Sie kamen aus Nieder- und Obergrenzebach, Schönborn, Leimsfeld, Rörshain, Zella, Riebelsdorf und vielen anderen Dörfern. „Deshalb habe ich in meinem Leben so viele Menschen gekannt.“ Heute empfindet sie die Straßen ihres Städtchens häufig als menschenleer, „aber es werden immer mehr Autos, die hin- und herfahren“.

Von Sylke Grede

Quelle: HNA

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