Zu Gast in der Schwalm: Dr. Hilde Schramm (77) las in der Gedenkstätte

Weisheit des Staates misstrauen

Dr. Hilde Schramm wurde als Tochter von Albert Speer geboren. Foto: Rose

Trutzhain. Sie hat gelernt, der Weisheit des Staates zu misstrauen: Das sagt Dr. Hilde Schramm über ihre Lehrerin Dr. Dora Lux. Hilde Schramm, 1936 als Tochter Albert Speers geboren, hat die Lebensgeschichte einer bemerkenswerten Frau – einer Jüdin – in einem Buch rekonstruiert. Es trägt den Titel „Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux“. Am Mittwoch war die Berliner Erziehungswissenschaftlerin für eine Lesung in der Gedenkstätte in Trutzhain.

Eineinhalb Jahre war sie Schülerin von Dora Lux. „Aber ihr kluge, zurückhaltende, dabei zugewandte Art hat uns junge Mädchen zum selbständigen Denken angeregt“, beschreibt die gebürtige Heidelbergerin ihre Eindrücke. Dass, was Schramm als Schülerin spürte, bestätigte sich später in ihren Recherchen. Fünf Jahre hat sie sich darauf konzentriert, und ist dabei einer faszinierenden Biografie begegnet.

Lux habe zu den ersten Frauen in Deutschland gehört, die Abitur machten. Sie war Wegbereiterin des Frauenstudiums und eine der ersten Gymnasiallehrerinnen. Sie habe es gewagt, sich als Jüdin nicht registrieren zu lassen. „Das war mit ihrer Selbstachtung nicht vereinbar“, erklärt Schramm. Bis 1936 habe sie in der Zeitschrift „Ethische Kultur“ regimekritische Artikel publiziert. Ihr Unterricht unterschied sich von denen anderer Lehrer deutlich, sagt Schramm: „Wir lasen das Kommunistische Manifest, lernten viel über die Entwicklung des Bürgerrechts – sie war fortschrittlich, ohne dem Bild zu entsprechen.“

Denn Dora Lux sei damals schon alt gewesen. „Aber sie wurde von vielen Schülern geschätzt und gemocht.“ Nie habe sie gebrüllt: „Daran habe ich mich in meinem Referendariat immer erinnert, und auch nie gebrüllt“, erzählt Schramm. Gewusst hätte sie schon, dass Lux Jüdin ist. „Aber gerade vor meiner eigenen Biografie war mir wichtig, sie nicht zu überhöhen. Sie hat mir eine Idee davon vermittelt, wie befreiend Humanität und Aufklärung sein können.“ In ihren Recherchen fand Schramm in Archiven zunächst wenig. Über den Kontakt mit den Töchtern bekam sie Einblick in Dokumente. „Das Bild, das ich von ihr hatte, wurde mehr als bestätigt. Sie war wagemutig und couragiert.“ Dabei aber sanft und leise. „Sie hat nie ein persönliches Wort zu mir gesagt, nie nach meinem Vater gefragt - aber das galt generell für diese Zeit. Das habe ich später erst begriffen“, sagt die Autorin.

Von Dora Lux habe sie viel gelernt. „Sie war nie aus meinem Gedächtnis verschwunden, aber ich hatte erst nach meinem Beruf Zeit, zu schreiben“, so die 77-Jährige. „Dora Lux war nicht obrigkeitshörig. Sie hat gelernt, gegen Konventionen zu leben - die haben sie nicht gekümmert.“ Das NS-Regime hat Lux überlebt. Nach 1945 wirkte sie als Geschichtslehrerin gegen den Zeitgeist. Sie starb 1959 in Hamburg. (zsr)

Albert Speer war führender Architekten im NS-Regime und wurde danach als Kriegsverbrecher verurteilt.

Quelle: HNA

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