Ein Sagenbuch aus dem Jahr 1885 erzählt spannende Geschichten aus der Region

Weiße Frauen überall

Die Weiße Frau auf der Hohenburg: Der echte Geist lässt sich natürlich nicht fotografieren, daher dient eine Fotomontage zur Illustration, das Hintergrundbild stammt von Andreas Grabczynski aus Borken. Fotos/Montage: dpa/Grabczynski/nh/ode

Homberg. Sie erscheinen meist zu zweit oder zu dritt, die Jungfrauen, von denen Hermann von Pfister 1885 in seinem Buch „Sagen und Aberglauben aus Hessen und Nassau“ berichtet. Blühende Bräute, die unverheiratet starben, verstand man damals darunter.

In der Wüstung des Dorfes Appenhain erschienen sie zu dritt einem Schäfer, tanzten und riefen den Mann bei seinem Namen. Als er auf sie zu ging, waren die weißen Gestalten verschwunden, stattdessen rollte ein Feuerball auf ihn zu, vor dem der Schäfer die Flucht ergriff.

Riesen hausten auf dem Homberger Schloss, berichtet der Chronist. Noch bis heute könne man einen großen Stein in einem Feld bei Fritzlar liegen sehen, den einer von ihnen einst geworfen habe. Doch im Dreißigjährigen Krieg endete die Herrschaft der Riesen. Aus Angst vor den heranstürmenden Feinden stürzten sich zwei Jungfrauen in den tiefen Brunne und spuken seitdem auf der Burg.

Unter den Trümmern des Schlosses aber sollen sich schöne Gewölbe und wertvolle Schätze befinden. In der Burg geht die weiße Frau umher. Sie wurde gesehen, wie sie mit goldenen Stöcken Strümpfe strickte. Ein anderes Mal habe sie mit einem Bund Schlüssel gewinkt, doch niemand konnte ihr folgen.

Glück brachte sie einem Schäfer, der sie auf dem Burgberg antraf. Sie zeigte auf Weizen, von dem sich der Mann eine Hand voll mitnahm. Als er seiner Frau von der Begegnung mit der weißen Frau erzählte und ihr den Weizen zeigte, hatten sich die Körner in Gold verwandelt.

Einem anderen Homberger, der von Mardorf des Wege kam, erschien die weiße Frau und sagte ihm, er könne sie erlösen. Er müsse ihr nur in den Berg hinein folgen, wo drei Fässer stünden, gefüllt mit kupfernen, silbernen und goldenen Münzen. Darauf lägen eine Katze mit rot glühenden Augen, ein Pudel und eine Schlange, die er aber nicht fürchten müsse. Er solle hingehen und aus jedem Fass dreimal nehmen, dann sei sie erlöst.

Der Mann hatte Angst und fragte, ob er einen Freund in den Berg mit hinein nehmen dürfe. Ja, sagte die weiße Frau, der Homberger dürfe aber nie mit dem Finger auf sie zeigen.

Der Mann holte seinen Freund und ging zurück zum Berg, doch für den Freund war die weiße Frau unsichtbar. Immer und immer wieder fragte er, wo sie denn sei. So zeigte er schließlich mit dem Finger auf die Gestalt – und diese verschwand mit einem gellenden Schrei. Zu den Fässern mit den Münzen gelangten die Männer nie.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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