Heute vor 20 Jahren trafen in der Kaserne in Fritzlar die ersten DDR-Übersiedler ein

Weltgeschichte im Trabi

Spezieller Service: Die Kfz-Wartungsgruppe der Fritzlarer Heeresflieger half, wenn bei den DDR-Übersiedlern der Trabant streikte. Archivfoto: Zerhau/nh

Fritzlar/Guxhagen. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, waren die Trabis in Fritzlar längst angekommen. Auf 350 Betten waren in der Halle 7 der Kaserne DDR-Übersiedler untergebracht, die über Tschechien in die Bundesrepublik gekommen waren. In Schwarzenborn war für 800 Menschen Platz geschaffen worden.

Der Guxhagener Lothar Kraß, heute Kommandeur des Kampfhubschrauberregiments 36 in Fritzlar, erinnert sich an den 7. November 1989. Damals war er 36, Einsatzstabsoffizier und dafür zuständig, die Halle 7 für den Ansturm vorzubereiten.

Mit dem war schon seit Monaten gerechnet worden, denn in der Prager Botschaft hatten viele DDR-Familien ausgeharrt, um in den Westen zu kommen. Bereits im Sommer war es vielen gelungen, über den Umweg Ungarn zu flüchten.

Betten, Verpflegung, Sanitätsartikel und Waschgelegenheiten, alles war bereit. Oberst Kraß war mit dem Hubschrauber in Richtung Fulda geflogen, um Ausschau zu halten. Dort hatte er die Trabbi-Schlange gesehen, die sich näherte.

Die Durchgangslager in Friedland und Gießen waren zu klein, also sprang die Bundeswehr ein. Mitarbeiter der Lager kümmerten sich in Fritzlar um die bürokratisch Abwicklung. Viele DDRler blieben so nur zwei oder drei Tage in der Kaserne, erinnert sich Kraß. Dann ging es weiter zu Bekannten und Verwandten. Bis Ende Januar hatten 6000 Menschen Fritzlar als Durchgangsstation erlebt, darunter auch Rumäniendeutsche.

Viele Menschen aus der Region wollten helfen und organisierten zum Beispiel Einladungen zum Kaffeetrinken. Aus Besse kam eine Abordnung der Kirchengemeinde, um eine Wohnung anzubieten. „Alle wollten helfen“, sagt Oberst Kraß. Er selbst war von früh bis spät im Einsatz, auch an den Wochenenden.

Kraß erinnert sich an ein Zitat seines damaligen Kommandeurs Christoph Ziegau: „Das ist Weltgeschichte, und Ihr seid dabei gewesen.“ Vor 20 Jahren erreichte die Weltgeschichte Fritzlar; in Form einer Schlange Autos der Marke Trabant.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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