Ulrich Bauer stottert seit fast 50 Jahren – und lässt sich nicht zum Schweigen bringen

Wenn die Worte klemmen

Ringen nach der Sprache: 800 000 Stotterer gibt es in Deutschland. Stottern hört man die wenigsten: Viele schotten sich ab oder schweigen. Foto: Schachtschneider/nh

Riede. Jedes Wort eröffnet einen neuen Kampf zwischen Zunge und Unterbewusstsein, zwischen Körper und Geist. Ulrich Bauer (Name geändert) stottert. Schon als Kind rang er nach Silben, aus denen Worte, dann endlich Sätze wuchsen.

Auf seinem Leidensweg irrt er seit fast einem halben Jahrhundert umher: Vier Therapieversuche, vier Chancen auf einen Ausweg, vier Sackgassen. Jetzt wagt Ulrich Bauer den fünften Anlauf.

Vor ihm auf dem Tisch duftet frisch aufgebrühter Tee neben einigen Stücken Weihnachtsstollen und bunten Schnittblumen. Ulrich Bauer sitzt nicht im heimischen Wohnzimmer, sondern in der Praxis des Rieder Logopäden Michael Mühling. Unverkrampft soll die Atmosphäre sein, sagt Mühling, „denn eine verkrampfte Therapie entkrampft keinen Patienten.“

Tatsächlich lehnt sich Bauer gelassen im Stuhl zurück, entspannt Körper und Gesichtszüge. Dann beginnt er zu sprechen. „Man sieht mir nicht an, dass ich stottere“, sagt er, „es steht nicht auf meiner Stirn.“

Doch es steht in seinem Gesicht: Neulich hat er sich selbst beim Reden zugesehen, hat beobachtet, wie sein Gesicht verkrampft und gehört, wie seine Zunge wieder und wieder die Kontrolle verliert: Mühling filmte den 50-Jährigen bei seiner ersten Therapiestunde und spielte ihm die Sequenz anschließend vor. „Das Video hat mich erschrocken“, sagt Ulrich Bauer zwölf Einheiten später.

Die Videoanalyse schreckt Stotterer aus Wahrnehmungmustern auf, in denen sie oft jahrelang versunken waren. Plötzlich erkennen sie: Das Stottern überkommt mich nicht. Ich bin es, der stottert. „Für viele Stotterer ist das eine bittere Erfahrung“, berichtet Michael Mühling. Nicht jeder Stotterer besitze die Kraft, dem stotternden Ich ins Auge zu sehen – so mancher würde resignieren: Schweigen statt Stottern, das Telefon klingeln lassen statt abheben.

Tauziehen mit sich selbst

Ulrich Bauer hebt ab. Er telefoniert, engagiert sich am Arbeitsplatz, besucht besonders gerne Seminare mit Vorstellungsrunden. Das Stottern hindert ihn nicht daran, ein normales Leben zu führen. Es sind die Mitmenschen, die das Stottern zum Problem machen. Viele von ihnen wissen nicht, wie sie mit einem Stotterer umgehen sollen. „Die Situation ist für Zuhörer mindestens genauso schlimm wie für mich selbst“, sagt Bauer.

Gesprächspartner kommen und gehen. Das Stottern bleibt ein Tauziehen mit sich selbst. Ulrich Bauer will stärker sein als die Störung, die schon zu lange aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche dringt. Komplett besiegen wird er das Stottern wohl nicht mehr. Er weiß: Für manches ist es schon zu spät. Aber deshalb aufgeben?

Ulrich Bauer denkt gar nicht dran: „Was soll‘s? Nachrichtensprecher wollte ich sowieso nie werden.“

Von Pia Schleichert

Quelle: HNA

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