"Es ist spürbar, dass starker Wind zunimmt"

Das große Blasen: Stimmt es, dass es immer windiger wird?

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Beim "Kunstfestival Bewegter Wind" in Nordhessen sorgt der Wind für tolle Ausblicke. Ansonsten kann er aber auch schon mal nerven. 

Warum ist es immer so windig? Und wann war es das letzte Mal windstill? Das fragen sich nicht nur Radfahrer. Ist das auch der Klimawandel? Die Antwort ist überraschend.

Vor fast einem Jahr hatte Lars Riehl genug vom Wetter. Auf Facebook fragte der Kasseler Mountainbiker: "Das mit dem Wind - soll das jetzt für immer so bleiben? Wann genau war es eigentlich das letzte Mal windstill?" Riehl hatte nur ausgesprochen, was andere schon länger dachten. Seine Freunde stimmten ihm sofort zu. "Früher konnte man es mit dem Rennrad auch mal rillen lassen. Heute ist man immer am Treten", schrieb einer. Und einem Skeptiker, der meinte, früher sei es auch schon windig gewesen, entgegnete Riehl: "Glaub mir, ich fahre jeden Tag Rad, und es ist spürbar, dass starker Wind zunimmt und häufiger auftritt."

Zehn Monate später können Radfahrer, die seither vergangenen windstillen Tage an einer Hand abzählen. Gefühlt bläst es fast jeden Tag, was man etwa auch bei den Kommentaren im Trainings-Netzwerk Strava feststellen kann. Selbst als vorige Woche in der Wettervorhersage von mäßigem Wind die Rede war, wäre man fast vom Rad geweht worden.

Auf dem Velo reagieren Menschen sensibler auf Wind als im Büro, weil sie ihm schutzlos ausgeliefert sind. Darum stellt sich die Frage: Wird es tatsächlich immer windiger? Und ist das vielleicht eine Folge des Klimawandels.

Auf unsere Anfrage beim Deutschen Wetterdienst antwortet Meteorologe Thomas Kesseler-Lauterkorn vom Regionalen Klimabüro in Essen mit dem erstaunten Satz: "Da haben die Radfahrer ja eine interessante Beobachtung gemacht."

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex.

Wind: Über Meeresregionen ist er stärker geworden

Das große Blasen würde passen zu den vielen Nachrichten, die die Menschheit erreichen: Die Winter werden feuchter und milder, die Sommer dagegen trockener, weshalb Dürren wie 2018 wahrscheinlicher werden. Und gerade haben Wissenschaftler festgestellt, dass die Windstärke in vielen Meeresregionen in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen habe, weshalb es in Küstenregionen häufiger Überschwemmungen geben könne.

Von einem generell stärkeren Wind in unseren Breiten hat Kesseler-Lauterkorn vom DWD allerdings noch nichts gehört. Darum hat er für uns mehrere Windmessstationen von Frankfurt über Bad Hersfeld bis Göttingen ausgewertet. Das Ergebnis: "An keiner der Stationen hat die mittlere jährliche Windgeschwindigkeit im Vergleich der letzten 20 Jahre auffallend zugenommen." Auch bei der Anzahl der Tage mit Sturmböen ist keine signifikante Veränderung verzeichnet. Die Beobachtungen der Radfahrer, über die Kesseler-Lauterkorn zunächst staunte, hält er daher für "eher subjektiv und nicht repräsentativ".

Wind: Das hat es mit dem Jetstream auf sich

Auch in Österreich nimmt man den Wind offenbar anders war, als er tatsächlich ist. Die Tageszeitung "Die Presse" schrieb, dass viele Wiener den Eindruck hätten, in ihrer Stadt sei es windiger geworden. In Wirklichkeit sind die Tage mit Böen mit mehr als 76 km/h, was als Sturm definiert wird, sort jedoch weniger geworden. Und das Westwindband, der so genannte Jetstream, werde durch den Klimawandel schwächer. Weniger Wind bedeutet, dass sich Wetterlagen länger halten. Trockene Phasen können so zu Dürren führen, eigentlich harmlose Tiefdruckgebiete zu Überschwemmungen. Nicht nur in Wien.

Aber ist es nicht so, dass die Windräder anders als früher kaum mehr still stehen? Bei den Städtischen Werken in Kassel muss man das wissen. Doch Pressesprecher Ingo Pijanka sagt: "Es gibt mal Jahre mit mehr und mal Jahre mit weniger Wind. Anders als bei den gestiegenen Temperaturen können wir beim Wind keinen Trend feststellen." Pijanka ist übrigens Hobby-Rennradfahrer. Im vorigen Jahr wunderte er sich bei seinen Ausfahrten, dass es so oft windstill gewesen sei.

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