Kriegsgefangene versuchten aus dem Stalag IXA Ziegenhain zu fliehen

Wie François Mitterand einst die Flucht aus Ziegenhain versuchte

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Freiheit: Die Gefangenen des Stalag IX A, heute Trutzhain, wurden am 30. März 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit. Viele hatten zuvor die Flucht versucht.

Trutzhain. Die Flucht von Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg war trotz der Gefahren ein Massenphänomen. Im Stalag IXA Ziegenhain war der spätere französische Präsident François Mitterrand der prominenteste Gefangene, der die Flucht versuchte.

Einer, der sich das Notwendige für eine erfolgreiche Flucht beschafft hatte, war Francois Mitterrand, der prominenteste Gefangene im Stalag IX A Ziegenhain. Sein erster Fluchtversuch geschah von Thüringen aus (Stalag IX C Bad Sulza), wohin er im Oktober 1940 verlegt worden war. Zusammen mit einem Priester versteckten sie sich in einer Holzbaracke im Gelände.

Ihr Fehlen wurde erst abends beim Zählappell bemerkt. Sie hatten sich einen Regenumhang aus Kunstseide sowie einen Kompass beschafft und über Wochen Zwieback, Zucker, Schokolade und Tee gesammelt. Von einer Deutschlandkarte hatten sie die geplante Fluchtstrecke abgepaust. Nachts wurde marschiert, tagsüber ruhten sie in den Hütten der Holzfäller. Sie aßen, was sie in den Futtertrögen für Wildschweine und Rehe fanden. Nach 22 Tagen und etwa 550 km Marsch erreichten sie fast die Grenze zur Schweiz. Unterwegs war es ihnen sogar gelungen, einen Polizisten zu überzeugen, dass sie freiwillige italienische Arbeiter seien. Als sie den Fehler machten, tagsüber zu marschieren, wurden sie verhaftet und in die Baracke für Straffällige ins Lager Ziegenhain verbracht.

Der berühmteste Gefangene: Die Baracke in Trutzhain, in der Francois Mitterrand unter gebracht war. Der spätere französische Staatspräsident war Redakteur der Lagerzeitung und Dozent an der Lageruniversität.

Zweiter Fluchtversuch

Mitterrands Wille, einen erneuten Fluchtversuch zu wagen, war ungebrochen. Sein Hauptmotiv war wohl, dass er nichts von seiner Verlobten hörte, was ihn zur Verzweiflung trieb. Am 28. November 1941 entschlüpften er und zwei Mitgefangene an einer Ecke des Lagerzaunes, die von den Scheinwerfern nicht beleuchtet werden konnte. Mit Hilfe von gefälschten Papieren für Kranke, die ihm die Heimreise gestatteten, und geschmuggeltem Geld kaufte er eine Fahrkarte und fuhr mit dem Zug nach Metz. Dort nahm er ein Hotelzimmer und wurde prompt von der Wirtin bei der Polizei denunziert und in ein Sammellager für Ausbrecher bei Metz verbracht. Nun drohte ihm die Abschiebung als „Unbelehrbarer“ in das verschärfte Straflager Rawa-Ruska in Polen ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Dritter Fluchtversuch

In dieser Situation plante er den dritten Fluchtversuch. Er meldete sich für den Dienst als Postbote zwischen dem Lager und einer deutschen Kaserne, die nur durch einen einfachen Zaun von der Straße abgegrenzt war. Eines Morgens überkletterte er diesen Zaun und versteckte sich in einem nahe gelegenen Hospital. Von dort gelang ihm am 16. Dezember 1941 mit Hilfe der Schwestern und einem gefälschten Ausweis der Übertritt in den Teil Frankreichs, der nicht von der deutschen Wehrmacht besetzt war.

Helmut Kohl (links) mit François Mitterand. 

Die Reste der Fälscherwerkstatt, die 1998 bei Bauarbeiten am Fundament einer Baracke entdeckt wurden, sind heute in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Trutzhain zu sehen.

Stichwort

Der französische Kriegsgefangene Henri Beltran schrieb in einem geschmuggelten Brief an seine Frau Odette Ende 1941: „Diese Gefangenschaft ist eine harte Prüfung für alle und besonders für die Familienväter. Bei all dieser Verzweiflung haben Tausende und Abertausende versucht zu fliehen. Aber nur wenigen ist die Flucht gelungen. Wenn ich nicht versucht habe zu fliehen, so geht das darauf zurück, dass ich in einem Arbeitskommando weit ab von den großen Verkehrswegen war und wo es unmöglich ist, sich das Nötigste zu beschaffen. Falls uns 1942 nichts bringt, werden Hunderttausende auf Deutschlands Straßen laufen.“

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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