Gespräche am Gartenzaun: Winterscheid, das Dorf ohne Kirche

Gute Gemeinschaft: Die Winterscheider fühlen sich wohl in ihrem Dorf. Das Foto zeigt die Gruppe des Dorfrundgangs an der neu gestalteten Ortsmitte. Viele Kinder kamen in den vergangenen Monaten zur Welt, Winterscheid verjüngt sich. Fotos: Schittelkopp

Winterscheid. „Ich fühle mich sehr wohl in der Dorfgemeinschaft", sagt Tanja Böth, sie zog nach Winterscheid, der Liebe wegen. Ihrem zweijährigen Sohn Marcel kommt das Leben auf dem Land zugute, ungestört flitzt er mit seinem Dreirad über die ruhigen Straßen.

Derzeit leben viele junge Familien im Ort, einige sind zugezogen, andere haben in ihrem Dorf neu gebaut. „Bei uns steht nur ein Haus leer“, sagt Ortsvorsteher Herbert Röschl. Die Winterscheider sind ihrer Heimat sehr verbunden.

Es gibt viele Berufspendler, die ihre Idylle im Hochland nicht missen möchten und dafür weite Fahrstrecke zur Arbeit in Kauf nehmen.

Kerstin und Jürgen Theiß stammen beide aus Winterscheid, sie haben zwei Mädchen. „Hier ist es landschaftlich sehr schön“, sagt Kerstin Theiß. Vom Mehrzweckraum oberhalb des Ortes kann man Knüll und Vogelsberg sehen. Der Raum wird auch als Friedhofskapelle genutzt, weil Winterscheid keine Kirche hat. Eine geologische Besonderheit stellen die Winterscheider Kalkkuppen dar. Am Ortsrand wurde früher Kalk gebrannt, heute wachsen ungestört viele Orchideen-Arten.

Kerstin Theiß betont auch, dass der Ort sehr ruhig sei, doch man könne die größeren Städte wie Marburg und Kassel schnell erreichen. „Es wäre schön, wenn wir hier wieder eine Wirtschaft hätten“, sagt Jürgen Theiß, eine Kneipe fehle als Treffpunkt im Ort.

„Es hat sich viel verändert im Landleben“, sagt Alfred Vestweber, er war 28 Jahre lang als Ortsvorsteher tätig. „Ein Auto braucht man heutzutage unbedingt.“ Der Rentner war vor Jahren der erste Winterscheider mit einem Auto. Er prägte das heutige Bild des Ortes mit, leerstehende Höfen wurden abgerissen und der Dorfkern so aufgelockert und umgestaltet.

Seine Frau Katharina Vestweber liebt die Frauenrunden im Sing- und Stickkreis. Sommers wie winters treffen sich die Damen im DGH unter der Leitung von Marianne Theiß. Dort probt auch der Posaunenchor. Doch nicht nur kreativ, auch sportlich sind die Winterscheider: Es gibt die Laufgruppe und den Tischtennisverein. Gespielt wurde früher in einem Anbau: „Die Städter haben sich immer über unsere kleine Halle aufgeregt und dann gegen uns verloren“, erinnert sich Röschl lächelnd.

Von Claudia Schittelkopp 

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Quelle: HNA

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